Ausgabe Dezember 2024

Ein Werk unseres neuen extremen Zeitalters

Mircea Cartarescu: Theodoros, Cover: Hanser Literaturverlage

Bild: Mircea Cartarescu: Theodoros, Cover: Hanser Literaturverlage

Vordergründig erzählt Mircea Cărtărescu in seinem neuen Roman die Geschichte von Theodor II., Kaiser von Äthiopien, der von 1818 bis 1868 lebte. Zugleich ist „Theodoros“ jedoch – wie für diesen Erzähler üblich –, eine Ansammlung von Mythen und Fantasien. Wie in Shakespeares „Macbeth“ oder Marlowes „Tamburlaine“ entspricht Cărtărescus Titelfigur daher kaum der historischen Gestalt, und wie bei den Klassikern enthüllt das Handeln des Protagonisten das politisch Unbewusste: Es herrscht eine imperiale Welt, aber infrage gestellt wird sie nicht durch die um Befreiung kämpfende Menschheit, sondern von anderen autoritären Kräften. 

Der Theodoros des Romans kommt wie sein Autor aus der Walachei und erzählt wird die Geschichte seines Aufstiegs und Falls von sieben Erzengeln in lang schwingenden Sätzen: „Wir wussten immer, was geschehen würde, ebenso wie wir wissen, was gewesen ist, denn vor unseren grauen, fernen und hellen Augen ist die Welt bloß ein für alle Ewigkeit erstarrter Eisblock, nur ein Buch, das wir in den Anfängen zu Ende geschrieben haben, während der Mensch es Seite für Seite liest und nicht weiß, was auf der nächsten Seite folgen wird.

»Blätter«-Ausgabe 12/2024

Sie haben etwa 14% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 86% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1.00€)
Digitalausgabe kaufen (11.00€)
Druckausgabe kaufen (11.00€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Erfahrung der Freiheit: Die Kinder von Tschernobyl

von Olga Bubich

Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl traf die armen Regionen in Belarus besonders hart. Gut eine Million Kinder aus den verstrahlten Gebieten konnten über humanitäre Programme jahrelang ein paar Wochen in anderen europäischen Ländern verbringen.