Ausgabe März 1990

Früchtchen

Jacke oder Bluse kosten 2000, Rock oder Kleid 3000, der BH 5000 und der Strumpfgürtel 10 000 Punkte - die Preise gelten für das Ablegen der erwähnten Kleidungsstücke. Wer dann noch das Höschen fallen sehen will, muß noch einmal 40 000 Punkte anlegen. Ein kompletter Striptease ist damit allerdigs noch nicht erreicht und auch nicht erreichbar: Ein Cache-sex bietet nur das Hinterteil relativ ungeschützt den Blicken feil, also etwa soviel, wie heute an jedem Familienstrand zu sehen ist.

T u t t i f r u t t i, die neue vielgeschmähte Abendunterhaltung des privaten Fernsehsenders RTL Plus, ist wohl kaum jugendgefährdend. Sie besteht aus einer Art Quiz mit zwei ausgewählten Kandidaten (einer männlich, einer weiblich), die außer mit Ratespielen oder Glück beim Roulette durch Ausziehen eigener Kleidungsstücke nach festgelegten Tarifen Punkte erwerben können. Diese können sie dann zu den obengenannten Kursen in "Länderpunkte" konvertieren, die am Schluß über Gewinnen oder Verlieren entscheiden.

Und das geht so: Von "Ländervertreterinnen" (was nicht nachprüfbar ist, da die Damen Sprechverbot haben) wird der Striptease als Dienstleistung erkauft, dessen Vollzug bis zur erwähnten Grenze ein rechnerisches Verfügungsrecht begründet. Europa ist einer der thematischen Vorwände für die dezente Hautdarbietung.

März 1990

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In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.

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