Ausgabe April 1991

Die halbierte Perestroika.

Notizen zur politischen und ökonomischen Entwicklung in der Sowjetunion

Die Innen- und Außenpolitik der Sowjetunion in den letzten Monaten, die personellen Veränderungen in der sowjetischen Führung haben in der Welt vielfache Fragen und widersprüchliche Kommentare bewirkt. Von "Machtkampf" bis zu "Konzeptionslosigkeit", von "Unentschlossenheit" bis zu "Diktatur" reichen die Kommentare je nach politischer Couleur und Sachkunde des Kommentators. Das dynamische und manchmal verwirrende Bild der sowjetischen Realität verdeckt aber oft die tiefergehenden wirtschaftlichen und politischen Prozesse, die in der Sowjetunion vor sich gehen.

I

Auf ö k o n o m i s c h e m G e b i e t ist ein weiterer Rückgang der Produktion gegenüber dem Vorjahr festzustellen. In der RSFSR z.B. ist das Nationaleinkommen um 5,5% gesunken, die Arbeitsproduktivität um 5%. Die Inflationsrate betrug 1990 18,9%. Im Nationaleinkommen steigt der Anteil des Arbeitseinkommens gegenüber dem Gewinn (sinkende Gewinnrate). Die Produktion von Kohle, Erdöl und von Erzeugnissen der Metallurgie ist auf das Niveau von Anfang der 80er Jahre zurückgegangen. Die hergebrachten Lieferbeziehungen im Inland zerfallen zusehends. Sowohl zwischen den Betrieben als auch zwischen den Territorien verstärken sich Beziehungen quasi-naturalwirtschaftlicher Art (Ware gegen Ware, Vereinbarung von Warenlisten zwischen den Unionsrepubliken usw.).

April 1991

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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