Ausgabe Mai 1993

Was zusammengehört

Was ist in Deutschland geschehen seit 1989? Vereinigung, Wiedervereinigung, Einheit, neue Identitätsstiftung? Nun denn: - Staatspolitisch ist aus der DDR ein Beitrittsgebiet der BRD geworden. Das entsprechend vergrößerte Gebilde firmiert weiterhin unter dem alten Namen "Bundesrepublik Deutschland", womit das Andauern einer politischen Kreditwürdigkeit behauptet wird: was ebenso eine Täuschung wie eine Selbsttäuschung ist. - Im herrschenden Rechtsempfinden, das sich in Anklagen und Urteilen konkret niederschlägt wird die DDR nachträglich wie eine einst abtrünnig gewordene Provinz der BRD angesehen - eine nützliche Sicht der Dinge weil sie es ermöglicht, am praktizierten Siegerrecht vorbeizuschielen. Ein neuer deutscher Blick.

So können ehemalige Bürger der DDR, eines seinerzeit international anerkannten Staates, rückwirkend des Landesverrats an der damaligen BRD beschuldigt werden. Ist die Konstruktion auch zweifelhaft, so schadet das nichts, denn es sind Kommunisten, die so vor Gericht gelangen: Und bei denen ist die Strafe allemal gerechtfertigt. Eine solche Juristerei ist nicht die Magd der Politik, sondern ihre Hure. Wenig hört man dazu von den ehemaligen Dissidenten, die sich in der DDR aus guten Gründen mit einer hingebogenen, gebeugten Rechtsstaatlichkeit nicht begnügen wollten.

Mai 1993

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In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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