Ausgabe November 1995

Dauerschreikrampf

Schlafes Bruder, ein Film von Josef Vilsmaier. Es könnte ein Plot von Anzengruber oder Luis Trenker sein: Ein Kind wird geboren, und früh deutet sich sein musikalisches Genie an. Kaum erwachsen, repariert er die Orgel in der Dorfkirche und präsentiert sich eines Heiligen Abends als virtuoser Improvisator, der das alte Instrument zur Stimme seiner Not macht. Der Kontrast zwischen diesem Künstlerhelden und seiner sozialen Umgebung könnte nicht größer sein. Die Dorfgemeinschaft lebt im inzestuösen Stumpfsinn, der Pfarrer ist debil und kriegt seine Messetexte nicht mehr auf die Reihe, der autoritär-zynische Lehrer kapituliert und hängt sich auf. Elias wächst heran und dann gibt es da Elsbeth, ein schönes Mädchen mit intelligenten Augen, das ihn hebt und philosophische Sätze spricht: "Wenn man mit dir zusammen ist, dann weiß man, daß man allein ist".

Ihr Bruder bedrängt ihn mit homosexuell gefärbter Verehrung und zündet, als er zurückgewiesen wird, das Dorf an. Elias rettet zwar Elsbeth aus den Flammen, aber abgeschreckt von seiner unerbittlichen Berufung zum Höheren verläßt sie mit einem Bauernburschen ihn und die zerstörte Heimat.

November 1995

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