Das Rechtskunststück ist von hinreißender Akrobatik. Durch die Verurteilung des DDR-Richters Hans Reinwarth bewältigte die westdeutsche Justiz Ende November 1995 in letzter Instanz endlich ihre eigene Nazivergangenheit. Der Bundesgerichtshof fand - erstmals nach einem halben Jahrhundert -, daß er sich von seiner bisherigen Rechtsprechung zugunsten von NS-Kollegen, die exzessive Todesurteile zu verantworten hatten, nunmehr distanzieren sollte. Eigentlich bestand dazu kein Grund. Der DDR-Richter Reinwarth war zu keinem Zeitpunkt Kollege unserer Bundesrichter. Er war in der NS-Zeit weder Mitglied des Volksgerichtshofes, noch eines Sondergerichts, im Gegenteil, er war vorbestraft, er war, wie der Bundesgerichtshof ausdrücklich feststellt", in einem Konzentrationslager inhaftiert und später an der Front in einem Minensuchkommando eingesetzt". Er hat sich erst nach dem Krieg im SED-Staat zum Volksrichter ausgebildet und wurde Beisitzer am Obersten Gericht der DDR. Dabei hat er in den 50er Jahren an der Verhängung des Todesstrafe gegen zwei Spione mitgewirkt und sich somit "des direkten Vorsatzes der Rechtsbeugung" schuldig gemacht. Die Richter, die zwei Jahre zuvor in den USA aufgrund fragwürdiger Indizien Julius und Ethel Rosenberg wegen "Spionage" auf den elektrischen Stuhl brachten, sind bis heute unbehelligt.
In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.