Ausgabe Februar 2000

Putins zwei Gesichter

Der Übergang zur Demokratie in Rußland ist beendet - und zwar erfolglos. Diese Schlußfolgerung kann aus der Art und Weise der Inthronisierung des Jelzin-Nachfolgers Wladimir Putin gezogen werden. Auch die noch ausstehenden Wahlen revidieren das Bild kaum. Vor dem Hintergrund der einseitigen Berichterstattung in den Medien und der stark verkürzten Vorbereitungszeit für etwaige Gegenkandidaten droht die Präsidentenkür zur Akklamation zu verkommen. Diese Entwicklung stellt keinen Bruch mit dem bisherigen System dar. Jelzin, der während seiner Amtszeit eher zu heroischen Einzelentscheidungen als zur Einbeziehung demokratischer Institutionen neigte, hat sich nie ernsthaft für eine breite Demokratisierung stark gemacht. In den Geschichtsbüchern wird er nicht als der Mann vorkommen, der das demokratische Rußland aufbaute, sondern als derjenige, der die kommunistische Sowjetunion ein für alle Mal zerschlug.

Noch immer existiert kein wirkliches Parteiensystem, und gesellschaftliches Engagement ist einer kleinen Minderheit vorbehalten, die am Tropf westlicher Spenden hängt. Jelzin selbst, vom Westen als Gralshüter demokratischer Verfahren in Ehren gehalten, tat wenig, um diesen strukturellen Defiziten entgegenzuwirken.

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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