Ausgabe Juni 2000

Ecce homo

Der junge französische Filmemacher Bruno Dumont hat bislang zwei Filme gemacht: Das Leben Jesu und L'humanité, was übersetzt werden kann mit "Die Menschheit" oder "Die Menschlichkeit", aber bekanntlich auch der Name des Zentralorgans der französischen Kommunistischen Partei ist. Beide Titel setzen die Geschichte, die sie erzählen, in einen paradigmatischen Zusammenhang: Seht, so ist die Menschenwelt. Diese Welt ist eine Provinzstadt im Norden Frankreichs (in der der Regisseur geboren ist und lebt), und beide Male geht es um Verbrechen.

Im ersten Film wird ein junger Araber umgebracht, im zweiten ein kleines Mädchen vergewaltigt und getötet. Die Gründe (Rassismus, sexuelle Überfixierung) haben offensichtlich etwas zu tun mit dem Lebensgefühl einer in jeder Hinsicht marginalisierten Jugend. Sie tötet und vergewaltigt aus Langeweile, als Kompensation eines Gefühls der existentiellen Überflüssigkeit oder was immer die zuständigen Instanzen an Erklärungen zu bieten haben. In beiden Filmen erscheinen die eigentlich strafunmündigen Täter am Ende eher als verzweifelte Opfer eines unerbittlichen sozialen Prozesses der sittlichen und moralischen Verrohung und Abgestumpftheit. In diesen sozialkritischen Kriminalfilmen werden uns jedoch zentrale Krimi-Konventionen vorenthalten.

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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