Wenn sogenannte Türken der dritten Generation zum ersten Mal bei einer hiesigen Zeitungs-, Radio- oder Fernsehredaktion vorstellig werden, dann sind sie kaum einfallsreicher als Deutsche, die Nachwuchskräfte werden wollen: "Guten Tag, mein Name ist XY, ich bin freie/r Journalistin in Kleinenbroich am Niederrhein und ich habe da ein interessantes Thema für Sie... ". Je nachdem wie die Kollegin oder der Kollege in der Redaktion gelaunt ist, lautet die Antwort "Ja, sehr interessant, geben Sie mir doch Ihre Nummer, ich melde mich dann bei Ihnen." Oder: "Oh nein, in Kleinenbroich am Niederrhein haben wir zehn Autoren, die ausgerechnet Ihr Thema schon 30 Mal an uns verkauft haben." Mehr oder weniger höfliche, aber unbeholfene Antworten auf Themenangebote, die oft ebenso unbeholfen vorgetragen werden. "Türken der dritten Generation" aber machen nach dem "...habe da ein interessantes Thema für Sie..." garantiert weiter mit zum Beispiel "Türken der ersten Generation in deutschen Altenheimen". In diesem Umfang "zum ersten Mal" möchten sie der "Frage nachgehen", ob für die türkische Großmutter oder den türkischen Großvater "in der Seniorenstation Ecke Nollendorfer/Eifelstraße im Kleinenbroicher Westend ein Gebetsraum eingerichtet wird" - oder besser gesagt: warum dies nicht geschehen soll.
In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.