Ausgabe August 2003

Europa-Ignoranz

Kaum einer, der sich in den diversen Gazetten mit dem Aufruf von Jürgen Habermas und Jacques Derrida zur "Wiedergeburt Europas"1 befasste, ersparte sich paradoxerweise die Anmerkung, dass der Text ein eher bescheidenes Echo ausgelöst habe. Und mancher vermochte mit der darüber empfundenen Häme kaum hinterm Berg zu halten. Anderen wiederum, im gehobenen Status gleichberechtigter professoraler Kombattanten, schien die bloße Rezeption des Manifests gewisse Schwierigkeiten zu bereiten.

Das Anliegen von Habermas/Derrida ist schwerlich zu überlesen: Der amerikanische Krieg gegen den Irak des Saddam Hussein, dieser "burschikose Bruch des Völkerrechts", habe auch in Europa einen Streit über die zukünftige Weltordnung entfacht und die vermeintlich gemeinsame europäische Außenpolitik scheitern lassen. Gefragt sei jetzt ein politisches Widerlager, für das sich Europa anbiete. "Europa muß sein Gewicht auf internationaler Ebene und im Rahmen der UN in die Waagschale werfen, um den hegemonialen Unilateralismus der Vereinigten Staaten auszubalancieren." Zum Zweck einer solchen politischen Positionierung sei es unumgänglich, "der EU gewisse staatliche Qualitäten" zu verschaffen, wobei als treibende Kraft in Ermangelung von Alternativen allein die "kerneuropäischen Mitgliedstaaten" der EU in Frage kämen.

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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