Ausgabe Dezember 2005

Mediterrane Partnerschaft?

„Wenn Europa den Mut aufbringt, den Vorschlägen seiner weitsichtigen Denker zu folgen“, schrieb Tahar Ben Jelloun kürzlich anlässlich eines möglichen EU-Beitritts der Türkei, dann „wird es an Macht und Menschlichkeit gewinnen, seine humanistischen Werte stärken und den Extremisten aller Art das Wasser abgraben.“ Der in Paris lebende marokkanische Intellektuelle forderte die „Integration der Barbaren“ in die Europäische Union. Und gemeint sind mit „Barbaren“ nicht nur die Türkei, sondern auch Algerien, Tunesien und vor allem Marokko.1

Vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Debatten um die kulturelle EUTauglichkeit der Türkei erscheint eine solche Forderung absurd. Sie kommt dennoch zur rechten Zeit. Anlässlich des Gipfeltreffens, bei dem am 27. und 28. November in Barcelona das zehnjährige Bestehen der Euro-Mediterranen Partnerschaft begangen wurde, scheint eine Revision der Beziehungen zwischen der EU und den vornehmlich arabischen Anrainerstaaten des Mittelmeers geboten.

So wünschenswert das von Jelloun aufgezeigte Ziel auch sein mag, seine Worte skizzieren weniger eine realistische Perspektive als eine grundlegende Kritik des europäischen Selbstverständnisses im Verhältnis zu seinen arabischen Nachbarn. Es geht, so ließen sich seine Überlegungen fortführen, nicht um Modifikationen europäischer Programme und eine Ausweitung bestehender Kooperationen.

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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