Ausgabe April 2009

Demos statt Ethnos

Plädoyer für ein EU-Volk jenseits des Homo Europaeus

Im 15. Jahrhundert landeten die Spanier auf den Kanarischen Inseln und entdeckten die Guanchen. Papst Eugen IV. erklärte sie 1434 per Erlass zu „Menschen“ und gar zu „freien Leuten“ – immerhin waren die Guanchen nach spanischen Berichten „groß, blond und blauäugig, wenn auch dunkelhäutig“ und damit ganz nah am „europäischen Menschen“, dem homo europaeus.

Heute stranden auf den Kanaren täglich dutzende Bootsflüchtlinge. Sofern sie es dauerhaft ins EU-Hoheitsgebiet schaffen, unterliegen die Flüchtlinge wie Millionen andere bereits in Europa lebende „Ausländer“ dann einer anderen, modernen und vorgeblich politisch korrekten Kategorisierung mit all ihren Implikationen. Allerdings ist es heute nicht mehr die Geistlichkeit, die die Menschen zu „freien Leuten“ erklärt, sondern die Europäische Union (EU) und ihre Mitgliedstaaten. Sie definieren die Menschen auf ihrem Territorium als „EU-Bürger“, „Drittstaatsangehörige“, „(De-facto-)Flüchtlinge“ oder schlicht als „Illegale“.

Doch welcher Kategorie man angehört, hat umfassende Auswirkungen – nicht zuletzt auf die Möglichkeiten politischer Partizipation.

Sie haben etwa 5% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 95% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Februar 2026

In der Februar-Ausgabe analysiert Ferdinand Muggenthaler die Folgen des US-Militärschlags in Venezuela für Lateinamerika – und erläutert, an welche Grenzen Trumps imperiale Ambitionen auf dem Subkontinent stoßen könnten. Nach vier Jahren russischer Vollinvasion und einem Jahr Trump ist die Ukraine zu einem zentralen Schauplatz im Ringen um eine imperiale globale Ordnung avanciert, argumentiert Steffen Vogel. Ulrich Menzel beschreibt die Konturen des heranbrechenden neuen imperialistischen Zeitalters, in dem das »Trio infernale« – USA, Russland und China – miteinander um die globale Vorherrschaft ringt. Seyla Benhabib beleuchtet unter Rückgriff auf das Denken Hannah Arendts die dramatischen Herausforderungen der Demokratie im planetarischen Zeitalter. Sonja Peteranderl zeigt auf, wie sich deutsche Behörden aus ihrer Abhängigkeit von Trump-hörigen Tech-Konzernen lösen können. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande nicht nur innenpolitisch unter Druck steht, sondern auch ausländische Regierungen politisch Einfluss auszuüben versuchen, zeigt Wolfgang Kraushaar am Beispiel der Kontroverse um die ARD-Israel-Korrespondentin Sophie von der Tann. Und Georg Diez plädiert angesichts der wachsenden Stimmenanteile der AfD für die Abkehr von Parteidisziplin und den Umbau der Demokratie hin zu einer zielorientierten Zwei-Drittel-Republik.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Alternativen zum Geist der Ausbeutung

von Mariana Mazzucato

Während das Weltwirtschaftsforum in Davos unter dem Motto »A Spirit of Dialogue« (Ein Geist des Dialogs) tagt, haben die USA die Kontrolle über die Ölinfrastruktur Venezuelas übernommen und eine »unbefristete« amerikanische Verwaltung der Erdölreserven des Landes eingerichtet.