Ausgabe August 1990

Mit Polen quitt?

Wiedergutmachung bleibt auf der Tagesordnung

Zu den wenigen politischen Zugeständnissen, die die Regierung Kohl im Rahmen ihres Anschluß-Projekts bisher machen mußte, zählt die jüngste deutsch-deutsche Erklärung zur polnischen Westgrenze.

Damit rückt auch die Frage der "Wiedergutmachung" von NS-Unrecht gegenüber polnischen Zwangsarbeitern und den Opfern der deutschen Vernichtungspolitik in Polen in eine neue Perspektive. Zumal im Zusammenhang mit der kanzleramtlichen Forderung, Polen solle als Gegenleistung für die dauerhafte Anerkennung seiner Grenzen auf jegliche Entschädigungsansprüche verzichten. Wenn die Frage der Entschädigung polnischer Opfer des NS-Regimes bisher überhaupt zur Debatte stand, so bezog sie sich, mit Ausnahme der Gewährung von ärztlicher Behandlungshilfe für die Opfer verbrecherischer medizinischer Versuche, allenfalls auf eine Entschädigung für die ins "Reich" verschleppten Zwangsarbeiter. Dieser zentrale Teilaspekt der Entschädigungsfrage fand 1989 - nach mehr als 40 Jahren des Totschweigens - durch parlamentarische Anträge der Grünen und der SPD erstmalig Eingang in ein breiteres öffentliches Bewußtsein.

Inzwischen begann vor dem Münchener Landgericht - auch dies mag ein erster Indikator für die veränderte Situation sein - eine Art Musterprozeß einer ehemaligen Zwangsarbeiterin gegen die Fa.

August 1990

Sie haben etwa 12% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 88% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Erfahrung der Freiheit: Die Kinder von Tschernobyl

von Olga Bubich

Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl traf die armen Regionen in Belarus besonders hart. Gut eine Million Kinder aus den verstrahlten Gebieten konnten über humanitäre Programme jahrelang ein paar Wochen in anderen europäischen Ländern verbringen.