Ausgabe Juli 1993

Systemveränderer

Die Fernsehzeitschrift Bild + Funk übte sich in Ausgewogenheit: "Wie schön, daß es noch möglich ist, solche Filme zu drehen", durfte sich der eine Kritiker freuen und Die zweite Heimat "ein Meisterwerk" nennen. Auf der gleichen Seite stellte ein zweiter an die ARD die "peinliche" Frage, "ob 40 Millionen Mark, die am Ende dem Zuschauer mit dem GEZ-Revolver abgeknöpft werden, nicht etwas zuviel" seien für den "Mix aus Bunt und Schwarzweiß". Wohl nicht, denn die Kosten sind immerhin von 10 ausländischen Fernsehanstalten von Finnland bis Australien mitgetragen worden. Das Bild von den gewaltsam erpreßten Rundfunkgebühren-Millionen für Minderheiten-Programme ist also falsch.

Trotzdem geistert es seit Ende letzten Jahres durch eine von Politikern und Medienkonzern-Sprechern entfachte öffentliche Diskussion, in der die Daseinsberechtigung der öffentlich-rechtlichen Anstalten in Frage gestellt wird. Auf die Tagesordnung gesetzt wurde diese Kampfansage an das gegenwärtige deutsche Rundfunksystem von einem schlag- und finanzkräftigen "Verband privater Rundfunk und Telekommunikation" (VPRT), dem alle privaten Fernsehsender, die größten Medienkonzerne sowie Nachrichtenagenturen und Betriebe der Elektround Kabelindustrie angehören.

Juli 1993

Sie haben etwa 30% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 70% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe März 2026

In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Fortschrittsfalle KI

von Roberto Simanowski

Unbemerkt von den meisten verschiebt sich die Macht vom Menschen zur Maschine. Erste Studien bezeugen: Der Mensch wird dümmer durch KI. Je mehr er sie als Hilfsmittel nutzt, umso geringer seine kognitive Aktivität und schließlich seine Fähigkeit zum kritischen Denken.