Ausgabe März 1995

GUS: Zwischen Nachlaßverwaltung und Reintegration

Drei Jahre nach dem Zerfall der UdSSR und der Gründung der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS), deren erklärtes Ziel die geordnete Auflösung des bis dahin bestehenden gemeinsamen Staates war, verstärken sich in allen Ländern der GUS die Stimmen derer, die für ein stärkeres Zusammengehen plädieren und die integrativen Funktionen des Staatenbundes betonen. Angesichts des Niedergangs in der Wirtschaft, der Verschlechterung der Lebenslage breiter Bevölkerungsschichten und der immensen Schwierigkeiten beim sozialökonomischen Umbau der Gesellschaft ist in allen GUSLändern ein Stimmungswandel in der öffentlichen Meinung zu verzeichnen. Nach der ersten Euphorie über die errungene nationale Selbständigkeit machen sich Ernüchterung und Enttäuschung breit. Nicht nur mehr oder weniger "gewendete" Kommunisten erinnern sich der gemeinsamen sowjetischen Vergangenheit, sondern auch große Teile der Bevölkerung.

Deutliche Zeichen dafür waren im zurückliegenden Jahr die Wahlergebnisse in der Ukraine und eine größere Bereitschaft aller Länder, die GUS-Strukturen insbesondere auf wirtschaftlichem Gebiet auszubauen, wenngleich die Positionen im einzelnen weiterhin sehr unterschiedlich oder sogar widersprüchlich sind.

März 1995

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In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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