Ausgabe Juli 1995

Von der Unfaßbarkeit des Sieges

Komplikationen im Prozeß der deutschen Einheit

Der deutschen Westrepublik war die Wiederherstellung der deutschen Staatseinheit, außer einer Herzensfreude, eine furchtbare Störung auf den gewohnten, durch die Induktions-Existenz der DDR seit 1949 sichergestellten Wegen. Sie hat ihr zu einem erheblichen Teil nur dadurch begegnen können, daß sie sich auf das politisch-rhetorische Niveau der 50er Jahre zurückschraubte, nach der Parole: Adenauer hatte doch recht. Das war, versteht sich, ein Akt der Regression.

Nachdem man sich mit der DDR vereinigt hatte, bekam man es mit der Angst zu tun; man glaubte, die Anerkennung dieses Landes zurücknehmen zu können, ja zurücknehmen zu müssen, und glaubte es um so mehr, als man mit dem Spielmaterial des fremden Landes alte Rechnungen im eigenen Feld begleichen zu können hoffte, mit Kräften, die einem lange genug auf die Nerven gegangen waren.

Bewußtseinsfallen

Das war ein Trugschluß, es war Wirklichkeitsflucht. Sie hatte mit Angst zu tun, aber das war nicht ihre einzige Dimension. Christel Zahlmann, die Kennerin des Westens, hat mir die Sache vor drei Jahren einmal sozialpsychologisch erklärt.

Juli 1995

Sie haben etwa 4% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 96% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Die Wehrpflicht gleicher Bürger

von Sven Altenburger

Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine hat in Deutschland eine intensive Debatte über die Notwendigkeit einer Wehrpflicht ausgelöst. Dabei werden die ideengeschichtlichen Grundlagen der Wehrpflicht von ihren Gegnern regelmäßig verkannt, nämlich Republikanismus und Egalitarismus.

Frieden durch Recht

von Cinzia Sciuto

Am Anfang stand der 11. September 2001. Danach wurde die Lawine losgetreten: Ein langsamer, aber unaufhaltsamer Erdrutsch erfasste die internationale rechtliche und politische Ordnung. Ein Erdrutsch, der nach und nach die supranationalen Institutionen und die stets fragile, aber nie völlig illusorische Utopie einer friedlichen und auf dem Recht basierenden Weltordnung tief erschüttert hat