Ausgabe November 1996

Wer regiert Rußland?

Eine Herzoperation scheint das wichtigste Ereignis der russischen Politik in der zweiten Hälfte dieses Jahres zu werden. Am 3. Juli 1996 haben die Wähler in Rußland mit Bons Jelzin einen Mann zum Präsidenten gewählt, der nicht handlungsfähig ist, da er kurz vor dem Wahltermin einen schweren Infarkt erlitten hat. Statt wenigstens einige der drückenden Probleme anzugehen - die schwere Wirtschaftskrise, den Zerfall der sozialen Sicherungen und des Gesundheitssystems, die Staatskorruption, die bewaffneten Konflikte im Kaukasus und in Zentralasien -, beschäftigt sich das politische Moskau vordringlich mit der Frage der Nachfolge des Präsidenten. Die Mächtigen konsolidieren ihre Position, suchen nach Bündnispartnern für die kommenden Diadochenkämpfe und beobachten die Aktionen potentieller Konkurrenten voller Argwohn. Die schwere Erkrankung des Präsidenten beleuchtet schlaglichtartig das Durcheinander in der Moskauer Führungsspitze. Gegensätze zwischen den Einflußgruppen treten hervor. Die Entscheidungsschwäche im Machtzentrum macht sich bemerkbar. Eine klare politische Strategie ist nicht zu erkennen. Diese Phänomene sind nicht neu seit mehr als zwei Jahren ist der Kurs der Jelzin-Administration voller Widersprüche -, aber sie werden nun unübersehbar.

November 1996

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In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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