Die Gerüchte stimmten. Eine erschütternde Artikelserie des Afrikaspezialisten Patrick de Saint-Exupéry, erschienen in der französischen Zeitung "Le Figaro", dokumentiert endlich - 1998! Frankreichs Verstrickung in den ruandischen Völkermord vor vier Jahren. Saint-Exupéry zitiert Zeugenaussagen von Mitarbeitern internationaler Hilfsorganisationen, von Beamten und von Soldaten, des weiteren auch Beweismaterial, das die Vereinten Nationen in Ruanda gesammelt haben. Hinzu kommen die Ende 1997 vorgelegten vernichtenden Ergebnisse, zu denen ein Untersuchungsausschuß des belgischen Parlamentes gelangte. (Belgien ist die frühere Kolonialmacht Ruandas.) Saint-Exupérys Report besagt, daß französische Truppen seit 1992 an vorderster Front aktiv - aber geheim - bei der Bekämpfung der Tutsi-Rebellen in Ruanda mitgewirkt haben. Während des Genozids 1994 waren sie präsent, griffen aber nicht ein. Vielmehr verhalfen sie den Initiatoren des Völkermords zur Flucht. Die Tutsi-Invasion Ruandas, die 1992 von ugandischen Boden aus begann, wurde von der Regierung des englischsprechenden Nachbarlandes unterstützt. Es war der Versuch der ethnischen Minorität (etwa 10% der Bevölkerung Ruandas), ein Land zurückzuerobern, das sie für den größten Teil der letzten beiden Jahrhunderte beherrscht hatte.
In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.