"Schon seit langem suche ich verlässliche Studien darüber, dass die Todesstrafe abschreckend wirkt. Ich habe noch nichts dergleichen gefunden". So Janet Reno im Januar 2000. Reno ist amerikanische Justizministerin. Ihr Chef hat vor vier Jahren ein "Gesetz zur Effektivierung" der Todesstrafe durchgesetzt, um Berufungsverfahren zu beschleunigen. Ob Reno wenigstens bei Kabinettssitzungen Zweifel angemeldet hat, ist nicht bekannt. Öffentlich interveniert hat sie jedenfalls nicht. Und wie könnte sie auch: Clinton ist ein engagierter Verfechter der Todesstrafe; in der Bibel stehe nichts dagegen. Als Gouverneur von Arkansas unterzeichnete er mehrere Hinrichtungsbefehle, darunter einen für den geistig schwer behinderten Rickey Ray Rector. Im Jahr 2000 stellen die USA sicher wieder einen neuen Hinrichtungsrekord auf. 1999 waren 98 Menschen von Staats wegen getötet worden, mehr als jemals zuvor seit der Wiedereinführung der Todesstrafe 1976. Allein im Januar 2000 wurden zwölf Menschen hingerichtet, darunter drei zur Tatzeit erst 17-jährige Mörder. Nach Einschätzung des renommierten Todesstrafeninformationszentrums in Washington könnte die Zahl der Hinrichtungen dieses Jahr 150 erreichen. Das geschieht freilich nicht wegen zunehmender Blutrünstigkeit des amerikanischen Volkes; die Termine diktiert die Justiz, und die kommt schon jetzt nicht mehr nach.
Alle paar Jahrzehnte erlebt Europa einen Moment, an dem seine politischen Strukturen nicht mehr in die Zeit passen. Diese Momente haben die EU zu dem gemacht, was sie heute ist.