Ausgabe Mai 2001

Rechtsstaatsdämmerung

Manche mögen es schon immer besser gewußt haben: Eine komplexe "Bewältigung" des CDU-Finanzskandals ist von der Justiz hierzulande nicht zu erwarten, schließlich geht es dabei um tiefsitzende und gerne verdrängte Probleme des gesamten politischen Entscheidungssystems. Dennoch ist das Zwischenergebnis gleich dreier Verfahrensrunden, gelinde gesagt, ernüchternd. Am 31. Januar gab das Verwaltungsgericht Berlin der Klage der CDU gegen den Bundestagspräsidenten statt. Am 23. Februar stellte das hessische Wahlprüfungsgericht auf der Grundlage einer kurz zuvor ergangenen Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts die Überprüfung der für die CDU siegreichen Landtagswahl in Hessen von 1999 ein, und am 28. Februar stimmte das Landgericht Bonn der Einstellung des Strafverfahrens gegen den Ex-Bundeskanzler Kohl zu. Gäbe es nicht andere Malaisen, dürfte damit die Welt für die CDU-Führungsriege wieder in Ordnung sein.

Anderenorts aber beschleicht viele der Argwohn, daß die deutsche Justitia wieder einmal ihre geschichtsbekannte Einäugigkeit an den Tag gelegt hat. Aber ganz so einfach ist die Sache nicht. Jeder Jurist und jede Juristin weiß, daß die meisten gesetzlichen Regelungen Auslegungsspielräume enthalten. Auf viele Streitfragen geben die Gesetzestexte auch bei gründlicher Lektüre keine eindeutige Antwort.

Sie haben etwa 10% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 90% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Mai 2026

In der Mai-Ausgabe zeigen Alexander Cooley und Daniel Nexon, wie die Trump-Regierung ihre geopolitische Macht systematisch in privaten Gewinn ummünzt – zum Schaden für Rechtsstaat und Demokratie. August Pradetto plädiert für eine entschiedene – auch rhetorische – Verteidigung des Völkerrechts gegenüber der wachsenden Gruppe jener Staaten, die auf die Macht des Stärkeren setzen. Klaus Naumann beleuchtet die Debatte um die Wehrpflicht und fragt, wie sich der Frieden in Europa künftig verteidigen lässt. In einer Welt, in der Heimatverlust zu einer universellen Erfahrung geworden ist, sucht Ece Temelkuran nach neuen Formen von Gemeinsamkeit und Handlungsmacht. Antje Schrupp zeigt, wie rechte Frauen mit traditionalistischen Frauenbildern den autoritären Aufstieg befördern. Sonja Peteranderl warnt vor den Risiken von Zyklus-Apps in Zeiten des Rechtsrucks. Inken Behrmann beleuchtet den auch hierzulande längst entbrannten Kampf um die immer knapper werdende Ressource Wasser. Markus Wissen sieht im radikalen Reformismus eine Strategie gegen den Krisenkapitalismus. Und Karin König erinnert an den Film »Die Mörder sind unter uns« als Schlüsselwerk der deutschen Nachkriegsgeschichte und die Biografie seines Hauptdarstellers Ernst Wilhelm Borchert. 

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema