Ausgabe August 2003

Der Parvenü als Paria

Betrachtungen anlässlich des Falls Michel Friedman

Im Juni 2003 wurde die Wohnung des Rechtsanwalts, Talkmasters und stellvertretenden Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, Michel Friedman, aufgrund eines Durchsuchungsbefehls der Berliner Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts auf illegalen Drogenkonsum durchsucht. Prostituierte hatten zu Protokoll gegeben, dass Friedman bei einem Treffen mit ihnen Kokain konsumiert und ihnen auch angeboten hatte. Das Bekanntwerden dieser Umstände führte zu einem beispiellosen, medial inszenierten Skandal, in dessen Mittelpunkt angesichts der moralistischen Haltung Friedmans in politischen Angelegenheiten die Frage nach dem Verhältnis von privater und öffentlicher Moral stand. Nach vier Wochen des Schweigens hat Friedman einen Strafbefehl akzeptiert, gemäß dessen er nun vorbestraft ist. In einer bundesweit wahrgenommenen Erklärung entschuldigte er sich für sein Fehlverhalten und trat von sämtlichen öffentlichen Ämtern zurück. – D. Verf.

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Es mag sein, dass der Skandal um Michel Friedman, die Berliner Staatsanwaltschaft und die deutschen Medien nichts anderes darstellt als das Symptom einer politischen Lage, die Unterscheidungen nicht mehr zulässt und alle Akteure unausweichlichen Sachzwängen aussetzt.

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In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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