Ausgabe August 2004

Die Kriminalisierung von Migranten

Schätzungen zufolge kamen während des letzten Jahrzehnts mehr als 2 500 Migrantinnen und Migranten bei dem Versuch ums Leben, nach Europa zu gelangen. Das sind viele Menschenleben - aber nicht viele Einwanderungsversuche für einen Kontinent mit über 375 Millionen Einwohnern. Wer sind die Menschen, die Europa mit so viel Entschlossenheit aussperrt - auch um den Preis, dass diese ihr Leben riskieren, um hineinzukommen? Kurz gesagt: Sie sind eine entschlossene, aber winzige Minderheit von Männern, Frauen und Kindern aus meist armen Ländern, die sich, auf der Suche nach Arbeit oder Sicherheit, auf den Weg machen - ungeachtet des Risikos, dass sie dabei eingehen. Sie sind keine Kriminellen. Doch die restriktive Entschlossenheit der sich abschottenden Zielländer bewirkt das Gegenteil des beabsichtigten Effekts: Sie ist der Nährboden des kriminellen Menschenhandels. Das harte Durchgreifen der Aufnahmeländer gegen die illegale Einwanderung und der quasi-militärische Ausbau der Grenzen brachten einen rasanten Anstieg des Menschenhandels mit sich.

So wie die Politik gegenüber "weichen" Drogen wie Marihuana beruht auch diese Entwicklung auf einem alten Dilemma: Um die Situation zu kontrollieren, kriminalisiert die Politik etwas, was an sich noch keine kriminelle Handlung sein muss - und steigert damit erst den Anreiz für wirkliche Kriminelle, verbotene Aktivitäten zu betreiben.

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Aktuelle Ausgabe Februar 2026

In der Februar-Ausgabe analysiert Ferdinand Muggenthaler die Folgen des US-Militärschlags in Venezuela für Lateinamerika – und erläutert, an welche Grenzen Trumps imperiale Ambitionen auf dem Subkontinent stoßen könnten. Nach vier Jahren russischer Vollinvasion und einem Jahr Trump ist die Ukraine zu einem zentralen Schauplatz im Ringen um eine imperiale globale Ordnung avanciert, argumentiert Steffen Vogel. Ulrich Menzel beschreibt die Konturen des heranbrechenden neuen imperialistischen Zeitalters, in dem das »Trio infernale« – USA, Russland und China – miteinander um die globale Vorherrschaft ringt. Seyla Benhabib beleuchtet unter Rückgriff auf das Denken Hannah Arendts die dramatischen Herausforderungen der Demokratie im planetarischen Zeitalter. Sonja Peteranderl zeigt auf, wie sich deutsche Behörden aus ihrer Abhängigkeit von Trump-hörigen Tech-Konzernen lösen können. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande nicht nur innenpolitisch unter Druck steht, sondern auch ausländische Regierungen politisch Einfluss auszuüben versuchen, zeigt Wolfgang Kraushaar am Beispiel der Kontroverse um die ARD-Israel-Korrespondentin Sophie von der Tann. Und Georg Diez plädiert angesichts der wachsenden Stimmenanteile der AfD für die Abkehr von Parteidisziplin und den Umbau der Demokratie hin zu einer zielorientierten Zwei-Drittel-Republik.

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