Ausgabe Januar 2005

Geteiltes Grenzland?

Im Spätherbst 2004 entdeckte die Welt das "Grenzland" Ukraine. 1 Um die Entdeckung dieses entlegenen Erdwinkels leichter verarbeiten zu können, griffen Medien und außenpolitische Kommentatoren zu einem Muster, das seit dem Ende des Kalten Krieges geläufig ist: Diesmal ging es also um Ostukrainer gegen Westukrainer, so ähnlich wie Serben gegen Kroaten oder Christen gegen Muslime. Mit dieser Schablone ließ sich der Aufruhr auf den ukrainischen Straßen erklären. Der Präsidentschaftskandidat der Macht, Viktor Janukowitsch, versuchte denn auch tatsächlich, die übermächtige Opposition in Kiew mit einer drohenden Spaltung des Landes zu erpressen. Er behauptete, die russischsprachigen Menschen im Osten zu repräsentieren, die von den Westukrainern überrannt zu werden drohten.

In Deutschland glaubten die politischen Akteure ihm gern, denn es beschwichtigte ihre nur kaum verhohlene Sorge, eine geeinte Ukraine hinter einem Präsidenten Juschtschenko werde umgehend beantragen, der NATO und dann der Europäischen Union beizutreten. Für diesen Ernstfall hat jedoch in Deutschland keine Partei ein Konzept in der Schublade. Bereits die bisherige EU-Erweiterung nach Osten droht die politische Integrationsfähigkeit der Union zu überfordern. Die Frage eines EU-Beitritts der Türkei ist derzeit Zwickmühle genug - man hofft in Deutschland und Westeuropa, damit werde die Ausweitung der Union auf absehbare Zeit beendet sein.

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Aktuelle Ausgabe Februar 2026

In der Februar-Ausgabe analysiert Ferdinand Muggenthaler die Folgen des US-Militärschlags in Venezuela für Lateinamerika – und erläutert, an welche Grenzen Trumps imperiale Ambitionen auf dem Subkontinent stoßen könnten. Nach vier Jahren russischer Vollinvasion und einem Jahr Trump ist die Ukraine zu einem zentralen Schauplatz im Ringen um eine imperiale globale Ordnung avanciert, argumentiert Steffen Vogel. Ulrich Menzel beschreibt die Konturen des heranbrechenden neuen imperialistischen Zeitalters, in dem das »Trio infernale« – USA, Russland und China – miteinander um die globale Vorherrschaft ringt. Seyla Benhabib beleuchtet unter Rückgriff auf das Denken Hannah Arendts die dramatischen Herausforderungen der Demokratie im planetarischen Zeitalter. Sonja Peteranderl zeigt auf, wie sich deutsche Behörden aus ihrer Abhängigkeit von Trump-hörigen Tech-Konzernen lösen können. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande nicht nur innenpolitisch unter Druck steht, sondern auch ausländische Regierungen politisch Einfluss auszuüben versuchen, zeigt Wolfgang Kraushaar am Beispiel der Kontroverse um die ARD-Israel-Korrespondentin Sophie von der Tann. Und Georg Diez plädiert angesichts der wachsenden Stimmenanteile der AfD für die Abkehr von Parteidisziplin und den Umbau der Demokratie hin zu einer zielorientierten Zwei-Drittel-Republik.

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