Ausgabe November 2006

Österreich nach dem Schüsselismus

Es war schon kurz vor elf Uhr nachts, im Festzelt hing ein Dunst aus Freude und Schweiß, aus Zigarettenschwaden und euphorischer Entrücktheit, da trat Alfred Gusenbauer noch einmal auf die Bühne, umringt von allen, die Rang und Namen haben in der neuen und der alten Sozialdemokratie. „Heute ist ein Traum in Erfüllung gegangen“, rief der SPÖ-Parteichef in die Menge. „Die Arroganz wurde abgewählt“. Und so sangen die Genossen, was sie schon lange nicht gesungen haben: die „Internationale“. Gewiss, es gibt frischere Lieder. Aber die eine Zeile, die konnten Gusenbauer und die Seinen nicht oft genug hören an diesem Abend: „...wir sind die stärkste der Parteien!“

Damit, schließlich, war nicht zu rechnen gewesen an diesem 1. Oktober 2006. Alle Umfragen hatten Wolfgang Schüssels „Volkspartei“ (ÖVP) stabil vorne gesehen, der Regierungschef selbst glaubte sich mit einem personalisierten Wohlfühlwahlkampf („Weil er’s kann“; „Österreich bleibt besser“) locker ins Ziel bringen zu können. Für Alfred Gusenbauer an der Spitze der SPÖ dagegen war es das, was die Briten ein „uphill-battle“ nennen – ein aussichtsloser Kampf gegen Widrigkeiten aller Art.

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