Ausgabe Juli 2010

Köhler, Koch und Käßmann: Politik und Authentizität

Käßmann, Köhler, Koch – wie viele „Ks“ werden die Krise der Kanzlerin noch begleiten? Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch Verstand, heißt es im Volksmund. Wenn es heute aber gar nicht um Verstand ginge, sondern um Stimmungen, Emotionen und die Gefühlswerte des Privaten, die sich machtvoll in den Raum der Öffentlichkeit drängen?

Abgesehen von Koch, dem die Herzen nicht gerade zugeflogen sind, verstärken die beiden anderen den Lady-Di-Effekt. Der menschliche Faktor obsiegt vor der trockenen Rationalität von Amt und Pflicht. Käßmann hat das Zeug zur „Königin der Herzen“, authentisch auch im Straucheln, glaubwürdig auch als Sünderin. Dagegen hat Köhler auch Kritik auf sich gezogen, aber eher von Vertretern der „politischen Klasse“ als vom Volk, das sich bestätigt fühlen darf in der Elitenschelte und im um sich greifenden Anti-Parteien-Affekt.

Was geht hier vor? Es gäbe auch ein Leben nach der Politik, ließ Roland Koch verlauten. Schon wahr. Aber Politik ist auch eine Frage des timings, des richtigen Augenblicks für Abgang und Rückzug ins Private. Was auch immer die womöglich längerfristigen Motive gewesen sein mögen – als Signalwirkung steht ein spontaner Verdruss mit Amtspflichten und Politik im Raum.

Sie haben etwa 4% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 96% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (2.00€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Holger Friedrich und die OAZ: Wie ein Verleger Demokratiefeinde hofiert

von Matthias Meisner

Auf dem deutschen Medienmarkt gibt es seit Ende Februar eine neue Zeitung. Das ist angesichts der andauernden Krise der Printmedien bemerkenswert. Doch über die »Ostdeutsche Allgemeine Zeitung« gibt es noch weit mehr zu sagen.