Ausgabe März 2012

Krise und Konvergenz: Europa im Widerstreit

Bisher war Andreas Wirsching, der im letzten Jahr zum Direktor des renommierten Instituts für Zeitgeschichte München-Berlin berufen wurde, vor allem Fachkollegen und Studierenden ein Begriff. Nun legt der Autor auch für Leser jenseits der Seminare und Konferenzen eine faktengesättigte, vielschichtige Gegenwartsdarstellung Europas vor, die ebenbürtig Tony Judts Geschichte des Kontinents nach 1945 fortsetzt. Auch wenn er gewissen Klischees nicht immer entgeht und beispielsweise jeden Widerspruch, jedes Problem, jeden Konflikt oder jede Katastrophe pauschal als „Herausforderung“ wertet, avanciert Wirsching damit zu einem öffentlichen Intellektuellen – allerdings, durchaus in Absetzung von seinem Vorgänger Horst Möller, weniger konservativer als liberaler Provenienz: Denn der Schlüsselbegriff unserer Zeit ist für Andreas Wirsching die Freiheit. Wie sich Liberalisierung und Risiko zueinander verhalten, dem spürt der Autor in der ersten Gesamtdarstellung des Europas unserer Epoche nach, wobei der Optimismus in Wirschings dialektischem Zugriff überwiegt: Durch Krise zur Konvergenz lautet das Leitmotiv seines Buches.

Tatsächlich vollzogen sich speziell in Europa seit den 1980er Jahren Befreiungen in mehrfacher, widersprüchlicher Weise, von der Auflösung des sich real nennenden Sozialismus bis zur Entfesselung der Finanzmärkte.

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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