Ausgabe September 2013

Emanzipiertes Papier

Kaum hatten die Nachrichtenticker vermeldet, dass Amazon-Milliardär Jeff Bezos die legendäre „Washington Post“ für lächerliche 255 Mio. US-Dollar gekauft hatte, begann auch schon das große Wehklagen: Was würde Bezos mit der wohl renommiertesten Tageszeitung der USA anstellen? Ausgerechnet jener skrupellose Internet-Tycoon, der sein Vermögen bisher ausschließlich auf Kosten der alten „Holzmedien“ macht und damit Buchhändler und Verleger schier zur Verzweiflung bringt.

Auch die hiesige Verlagswelt zeigte sich tief erschüttert: „Dies ist ein Verlust. Die Figur des Verlegers, der keine anderen wirtschaftlichen Interessen hat als seine eigenen Medien, ist durch nichts zu ersetzen“, jammerte Christoph Keese, der Chef-Lobbyist des Springer-Konzerns.

Welch Krokodilstränen! Dabei hatte Keeses Vorgesetzter, Springer-Chef Mathias Döpfner, nur wenige Tage zuvor eine Handvoll Traditionstitel auf den Markt geworfen, von der gut 100 Jahre alten „Berliner Morgenpost“, einst Flaggschiff des im Dritten Reich enteigneten Ullstein-Imperiums, bis zum „Hamburger Abendblatt“, gegründet 1948 und erstes Baby Axel Caesars.

Es gehe darum, für die Zeitungen „eine langfristige Perspektive zu schaffen“.

Sie haben etwa 32% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 68% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1.00€)
Digitalausgabe kaufen (9.50€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Juni 2026

In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Holger Friedrich und die OAZ: Wie ein Verleger Demokratiefeinde hofiert

von Matthias Meisner

Auf dem deutschen Medienmarkt gibt es seit Ende Februar eine neue Zeitung. Das ist angesichts der andauernden Krise der Printmedien bemerkenswert. Doch über die »Ostdeutsche Allgemeine Zeitung« gibt es noch weit mehr zu sagen.