Ausgabe April 2015

Putin der Getriebene?

Wider den Strukturdeterminismus in der Russland-Ukraine-Debatte

Nach dem Ende des Ost-West-Konflikts wurde die Nato, maßgeblich auf Betreiben der USA, nach Osten erweitert. Der Westen missachtete Russlands genuine Interessen in den internationalen Beziehungen und zollte Moskau keinen Respekt. Einen vorläufigen Höhepunkt dieser gefährlichen Politik stellte der Versuch dar, die Nato mit der Ukraine und Georgien bis zum Südkaukasus hin auszuweiten. Als logische Folge hat Russland auf diese geopolitische Einkreisung nun mit militärischer Gewalt reagiert und ist mit der Eingliederung der Krim der westlichen Machtausdehnung entgegengetreten. Auch wenn Putin den Bogen hier und da überspannt: Generell sollten wir uns nicht darüber wundern, dass Moskau seit einigen Jahren versucht, die regionale Ordnung in seiner angestammten Einflusssphäre wieder herzustellen.

So lautet die Argumentationskette vieler politischer Kommentare und populärwissenschaftlicher Abhandlungen über die russische Kriegspolitik im Ukrainekonflikt und in anderen osteuropäischen Krisen.[1] Sie fußen – zuweilen mit politökonomischer Grundierung – auf Prämissen des Neorealismus. Diesem zufolge wird außenpolitisches Verhalten durch die relative Machtposition eines Staates im internationalen System bestimmt. Daraus ergeben sich Anreize und Zwänge, auf welche Staaten strategisch rational reagieren (müssen).

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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