Ausgabe September 2021

Alle oder keiner

Warum wir von der nationalen Immunität zur globalen Kommunität gelangen müssen

Nur selten erlebt ein Autor, wie etwas, das er einmal in einem Buch vertreten hat, fast zwanzig Jahre später Realität wird und dabei alle Prognosen übersteigt. So geschah es mit Immunitas. Es versteht sich von selbst, dass ich das ohne jede Genugtuung sage, deckt sich doch diese „Realisierung“ mit der schwersten weltumspannenden Krise seit Ende des Zweiten Weltkrieges. Tatsache ist jedoch, dass diese Krise eindeutig unter dem Zeichen der Immunität steht.

Den Begriff Immunitas verwende ich in einem ähnlichen Sinne, wie René Girard mit seiner Rede von einer „Krise des Opfers“,[1] um damit anzuzeigen, wie das Immunitätsvokabular jäh, und nicht selten gewaltsam, Einzug in sämtliche Lebensbereiche hält – und welche brisanten Auswirkungen das zeitigt. Heute, im Jahr der Pandemie, vollzieht sich diese semantische Durchdringung vor aller Augen. Es ist von nichts anderem mehr die Rede als von Immunität – ob natürlich erworben oder induziert, temporär oder lebenslang, ob individuelle Immunität oder Herdenimmunität. Mit Hilfe von Massentests wird die Immunisierungsrate verschiedener Bevölkerungen ermittelt, werden Schwellenwerte errechnet, ab wann man sich auf der sicheren Seite wähnen kann.

September 2021

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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