Ausgabe September 2022

»Der Kapitalismus ist kannibalistisch«

Nancy Fraser im Gespräch

Tagebau bei Bogatynia, 5.2.2018 (IMAGO/photothek)

Bild: Tagebau bei Bogatynia, 5.2.2018 (IMAGO/photothek)

Christoph David Piorkowski: Nancy Fraser, Sie begreifen die vielfältigen Krisen unserer Zeit als vom Kapitalismus verursacht. Wie hängen etwa Klima-, Wirtschafts- und Demokratiekrise zusammen?

Nancy Fraser: Zunächst einmal ereignen sich diese Krisen alle im selben gesellschaftlichen System. Kapitalismus ist nicht bloß ein ökonomisches Programm, sondern eine umfassende Gesellschaftsordnung, von der die Ökonomie nur einen Teil ausmacht. Diese Ordnung zeichnet sich durch Widersprüche aus, die systematisch große Krisen produzieren. Nehmen wir als Beispiel die ökologische Krise: Der Kapitalismus ist darauf programmiert, dass Unternehmen von günstigen natürlichen Inputs profitieren, sich also Energie und Rohstoffe aneignen. Was ihnen aber nicht auferlegt wird, ist die Verantwortung, das, was sie der Natur entnehmen, wieder zurückzugeben, das Zerstörte zu reparieren. Die Beziehung von Ökonomie und natürlicher Umwelt ist deshalb krisenförmig, weil der Kapitalismus das, was er braucht, um zu funktionieren – in diesem Fall die Natur – gleichzeitig rücksichtslos vernichtet.

Piorkowski: Verschlingt der Kapitalismus also in gewisser Weise sich selbst, oder genauer: Sägt er an dem Ast, auf dem er sitzt?

Fraser: In der Tat. Eine ähnlich widersprüchliche Beziehung besteht zwischen der Ökonomie und dem Gemeinwesen. Die Ökonomie ist auf öffentliche Güter angewiesen, auf Infrastrukturen, die der Markt alleine nicht aufbieten kann.

September 2022

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