Bild: Ein völlig zerstörtes Krankenhaus in Khartum, Sudan 19.1.2026 (IMAGO / Anadolu Agency)
Am 1. Januar 1956 wurde der Sudan als zweites Land auf dem afrikanischen Kontinent nach dem Zweiten Weltkrieg unabhängig. Anders jedoch als Libyen, das 1951 von den Vereinten Nationen in die Selbstständigkeit entlassen worden war, errang der Sudan seine Souveränität von einer Kolonialmacht. Genauer gesagt, von der anglo-ägyptischen Doppelherrschaft, unter der er seit 1899 gestanden hatte. Dabei gelang es den (nord-)sudanesischen Eliten mit großem Geschick, zwischen Großbritannien und dem nördlichen Nachbarn zu navigieren. Und sie nutzten die Gunst der Stunde, als die »Freien Offiziere« 1952 unter dem Halbsudanesen Mohammed Najib in Kairo König Faruk stürzten, und konnten so ohne einen blutigen Befreiungskampf das sudanesische Selbstbestimmungsrecht aushandeln.
Während der Sudan vor 70 Jahren ein Vorreiter für die Dekolonisation Afrikas und des Nahen Ostens war, gilt er dem britischen Friedens- und Konfliktforscher Alex de Waal, einem der versiertesten Sudan-Analysten, heute als Prototyp einer neuen Art des neoimperialen Krieges am Horn von Afrika und darüber hinaus. Dieser hat zur Folge, dass der territoriale Nationalstaat von Lehensherrschaften mit fluiden Grenzen verdrängt wird. Geführt wird dieser Krieg von Milizenführern als Vasallen, die nur den zahlungskräftigen Vormächten der Region Rechenschaft schuldig sind.