Marxistischer Feminismus: Die Revolution der Revolution | Blätter für deutsche und internationale Politik

LoginWarenkorb

Marxistischer Feminismus: Die Revolution der Revolution

von Melanie Stitz

Im Frühjahr dieses Jahres folgten fast 600 marxistische Feministinnen aus 20 Ländern der Einladung des Berliner Instituts für kritische Theorie (InkriT) und der Rosa-Luxemburg-Stiftung zu einem Kongress in Berlin. Ihre Teilnahme beantwortete gleichsam die Frage, die innerhalb der Redaktion des „Historisch-kritischen Wörterbuchs des Marxismus“ erst zu einer Debatte und schließlich zu dem Kongress selbst geführt hatte: nämlich, ob der Marxismus-Feminismus als Begriff und historische Tatsache überhaupt existiert.

Eine Antwort gibt auch das zeitgleich zum Kongress erschienene Buch der Soziologin und Psychologin Frigga Haug, selbst Mitherausgeberin des „Historisch-kritischen Wörterbuchs“, „Der im Gehen erkundete Weg – Marxismus-Feminismus“. Es enthält ausgewählte Texte der Autorin aus mehr als 40 Jahren, eingebettet in die autobiographische Erzählung einer Marxistin, die eine Feministin wurde und die daraus resultierenden Widersprüche produktiv machte.

Marxismus und Feminismus, so schreibt Frigga Haug, eint „der kategorische Imperativ aus dem Kommunistischen Manifest: ‚alle Verhältnisse umzustürzen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.’ In der Perspektive kann man sich einfinden, können es alle Frauen – aber der Weg ist ein einziges Hindernisrennen.“ Marxismus-Feminismus sei „geprägt durch die Anstrengung der feministischen Revolution, Eingang in den Marxismus zu erkämpfen und zu erarbeiten. Der Widerstand dagegen zwingt ihm zunächst eine gegensätzliche, polemische Form auf. […] Perspektivisch geht es darum, die Entpatriarchalisierung der Geschlechterverhältnisse mit dem sozialistischen Umbau der Produktionsverhältnisse zu verschmelzen, also gleichsam um eine Revolutionierung der Revolution.“

Ausgehend von diesem Anspruch ist Haugs Buch zugleich Reisebericht und Abenteuerroman. Jeder ihrer Texte ist eine „Kampfschrift“ und provozierte mitunter vehemente Kritik und Widerstand – auch diese werden ausführlich dokumentiert. Frigga Haug führt vor, dass Erfahrung alleine noch nicht klug macht, solange sie nicht (selbst-)kritisch reflektiert wird. Inspiriert von jahrzehntelangem Gramsci-Studium (wie auch der Texte von Marx, Brecht und Luxemburg) zeigt sie auf, wie wichtig es ist, stets das „Milieu“ zu analysieren, in dem agiert wird, in diesem Fall die Frauen- und die Arbeiterbewegung.

Den Auftakt des Buches bilden Texte, auf die Frigga Haug heute mit „Erschrecken, Scham und Zweifel“ blickt, so die 1971 verfasste Streitschrift gegen „Die missverstandene Emanzipation“. In dieser argumentiert sie gegen eine Sichtweise, die „den Mann zum Problem erklärt“ und in der Familie nicht ein Symptom, sondern die Ursache allen Übels erkennt. Den erstarkenden internationalen Feminismus nahm sie als Bedrohung für die sozialistische Frauenbewegung wahr. 1973 verteidigte sie daher „die Frauenbewegung gegen den Feminismus“, deren Protagonistinnen ihrer Ansicht nach Marxsche Begriffe missverstanden oder voreilig verabschiedeten. Begriffe wie „Sexismus“ und „Patriarchat“ kritisierte sie als wenig nutzbringende „US-Importe“. Auch wenn ihre Skepsis und Kritik geblieben sind, sieht sie ihre damalige Haltung heute kritisch: Wo Zuhören und weitere Analyse notwendig gewesen wäre, „knüppelte“ sie besserwisserisch drauflos.

Eigene Erfahrungen zwangen sie bald, sich weiter mit feministischen Kritiken und Geschlechterfragen zu befassen. So war sie in den Jahren bis 1971, die geprägt waren vom Vietnamkrieg und neuen sozialen Bewegungen, zeitweise Hausfrau und Mutter, damals noch ohne Studienabschluss und Einkommen. Zugleich führte sie ein politisches „Doppelleben“: Sie engagierte sich sowohl in marxistischen als auch in feministischen Kreisen. Nicht selten brachte dieses doppelte Engagement Konflikte und Krisen in ihrer politischen und wissenschaftlichen Arbeit mit sich. 1972 begründete und leitete sie als wissenschaftliche Assistentin am Psychologischen Institut der Freien Universität Berlin das Forschungsprojekt „Automation und Qualifikation“. Das Projekt untersuchte, wie sich in Folge zunehmender Automatisierung der Produktion (Selbst-)Bewusstsein, Praktiken und Akteure in der Arbeitswelt verändern. Erst 1988 löste sich die Gruppe auf – Haug lehrte da schon über zehn Jahre an der Hamburger Hochschule für Wirtschaft und Politik.

Geschlechterverhältnisse in die Analyse einzubeziehen, erwies sich in der Forschungsarbeit als gleichermaßen zwingend wie fruchtbar: Sie gerieten etwa dann in Bewegung, als der „traditionelle Setzer“ an „männlicher“ Bedeutung verlor, weil nun auch Frauen textgestaltend tätig wurden – eine Entwicklung mit durchaus emanzipatorischem Potential. Arbeitskämpfe der männlichen Arbeiter, so arbeitete Frigga Haug heraus, waren und sind jedoch zu nicht geringem Teil auch Abwehrkämpfe gegen die (neuen) Arbeiterinnen, die als Bedrohung erlebt werden. Sexismus funktioniert dabei als Strategie, Frauen klein- und aus Arbeitsfeldern und Einflusssphären fernzuhalten. Als Frauen begannen, gegen das fordistische Geschlechtermodell – jedem Arbeiter einen „Ernährerlohn“ und eine Hausfrau – aufzubegehren, stellten sie damit auch eine zentrale Errungenschaft der Arbeiterbewegung in Frage, die lange Jahre dazu beigetragen hatte, Klassenkonflikte zu befrieden. Arbeiter- und Frauenbewegung begreift Frigga Haug in diesem Sinne als einen „Trennungszusammenhang“.

Seit den 1970er Jahren träumten Haug und ihre Mitstreiterinnen zudem davon, dass sich Frauen allerorten gemeinsam schulen, um sich im Feld der Politik zu behaupten und so „kompetent zu werden wie die Männer“. Dabei entdeckten sie sich selbst als „empirisches Material“ und entwickelten die Methode der „Erinnerungsarbeit“. Die Losung „Das Persönliche ist politisch“ wurde zum Kompass, mit dem sie weibliche Vergesellschaftung, die „Zweigeschlechtlichkeit der Moral“ oder die „weibliche Langeweile in der Ökonomie“ erforschten. Die zentrale Erkenntnis, dass Frauen an ihrer eigenen Unterdrückung produktiv beteiligt sind und kollektive Selbstbefreiung erst von dieser Einsicht aus denkbar wird, fasste Frigga Haug in einem Vortrag „Frauen – Opfer oder Täter“ zusammen, den sie 1980 an der ersten Volksuniversität in Berlin hielt. Scharfe Kritiken und Ausschlüsse, vor allem aus Debatten und Organisationen der Arbeiterbewegung, waren die Folge. So riet etwa der MSB Spartakus in Hamburg Studierenden davon ab, ihre Seminare zu besuchen. Erst Jahre später erkannte sie das „zersetzende“ Potential ihrer Thesen: Sie stellen den fürsorglich-patriarchalen Gestus in Frage, mit dem die Frauenfrage all zu oft an das Befreiungsprogramm von Gewerkschaften und Parteien „opportunistisch angestückelt“ wird. Frauen, überhaupt alle Menschen, als Akteure zu begreifen, würde hingegen bedeuten, ein solches Politikverständnis radikal in Frage zu stellen, zugunsten einer „Politik von unten“, die von allen, also auch von Frauen, gemacht wird.

Als Kompass einer solchen Politik schlägt Frigga Haug später die „Vier-in-Einem-Perspektive“ vor – eine „Utopie von Frauen“, die beansprucht, „eine Utopie für alle“ zu sein. Kern der Utopie sind die radikale Demokratisierung und Neuausrichtung aller gesellschaftlich sinnvollen und notwendigen Tätigkeitsfelder – wider das herrschende Regime der Arbeitsteilung. Eine zentrale Forderung ist ein 16-Stunden-Tag für alle: täglich je vier Stunden für Produktion, Reproduktion und politische Einmischung sowie weitere vier Stunden für die „Arbeit an den eigenen Fähigkeiten, sich lernend zu entfalten, das Leben tätig und schöpferisch zu genießen“. Durch eine solche Neuverteilung der Zeit lasse sich der „Herrschaftsknoten“ lösen, mit dem sich die kapitalistische Gesellschaft reproduziert. Nur jeweils einen Bereich anzugehen, also nur an einem Ende des Fadens zu zerren, ziehe ihn dagegen nur noch fester.

Das Buch erzählt von vielen weiteren Etappen auf dem Weg einer Marxistin-Feministin „im Werden“. Es endet mit dem Ausblick auf das „Projekt einer radikalen, einer sozialistischen Demokratie“ – „eine friedliche Gesellschaft ohne Unterwerfung und Ausbeutung, in der auch alle Frauen selbstverständlich Platz als Menschen haben“ und in der es daher keiner expliziten Frauenrechte mehr bedarf. Ganz in diesem Sinne ermutigt das Buch, aus eigenen Erfahrungen und Widersprüchen zu lernen, diese produktiv zu machen und so das Projekt des Marxismus-Feminismus neu zu begründen.

Frigga Haug, Der im Gehen erkundete Weg: Marxismus-Feminismus, Argument Verlag und ariadne, Hamburg 2015, 384 Seiten, 24 Euro.

(aus: »Blätter« 7/2015, Seite 121-123)
Themen: Feminismus, Geschichte und Soziale Bewegungen

top