Bild: Alfred Hirsch: Heimatweh. Eine philosophische Erzählung. Cover: Karl-Alber-Verlag
Die ganze Dringlichkeit des Buches »Heimatweh« von Alfred Hirsch erschließt sich in einer verstörenden Erfahrung, auf die bereits das Titelfoto hinweist, die der Autor aber erst gegen Ende explizit macht. Zu sehen ist eine menschenleere Straße, die auf eine kleine Ansiedlung mitsamt Kirchturm führt – ein Lebensumfeld, das kurz davorsteht, im tiefsten Grunde erschüttert zu werden. Es geht um den Verlust einer Heimat im rheinischen Braunkohlerevier, die nicht nur dem Erdboden gleichgemacht wird, so wie auch Wirbelstürme, Kriege oder natürliche Erosion dies vermögen, sondern die abgebaggert werden soll, bis hunderte Meter tief ins Erdreich hinein. Nicht einmal Ruinen werden von dem Ort auf dem Foto bleiben, an dem Individuen und Gemeinschaften über Jahrhunderte hinweg ihr Leben zubrachten. Übrig bleibt einzig eine Industriebrache, ein riesiges Baggerloch, in dem »Ort und Zeit der Vergangenheit ausgelöscht« sind.
Die Moderne, die hier in ihrer industriellen Ausprägung in den Blick kommt, markiert den Ausgangspunkt für Hirschs Überlegungen zu einem »Heimatweh«. Das weitet er im Gang der Untersuchung vom Zurücksehnen nach einem besonderen, vertrauten Lebensumfeld zu einem vielschichtigen und dabei oft paradoxen Phänomen des Sehnens nach Heimat.
Bezeichnend ist, dass es bei Hirsch gerade Paradoxa, Widersprüche und Zirkularitäten sind, aus denen Heimat sich konstituiert. Heimat ist gerade nicht jenes fest und substanzhaft vorbestehende Etwas, als das regressiv-melancholische Diskurse sie gerne in den Bick nehmen. Andererseits ist Heimat auch kein bloßes Nichts, das sich restlos wegdekonstruieren ließe. Hirschs zentrales Anliegen ist deshalb die Ersetzung eines alten, über weite Strecken reaktionären Heimatbegriffs durch einen angemesseneren, wenn auch sehr fluiden, der die Menschen der heutigen Welt nicht ganz unbehaust lässt.
Wichtig dabei ist das Verhältnis von Fern- und Heimweh. So bringt die sich erweiternde Verfügung über den Raum in der Moderne tendenziell Fernweh hervor. Oft ist es nur ein untergeordneter Begleitumstand des Wunsches nach einem materiell besseren oder von Repression freieren Leben an einem anderen Ort, in einer Neuen Welt. Viele Millionen politische und Arbeitsemigranten aus Europa sind bis tief ins 20. Jahrhundert hinein diesem Wunsch gefolgt und verließen den Kontinent. In einer weniger erzwungenen Form kann das Streben in die Ferne auch dem Wunsch entspringen, die fremden Welten, von denen Naturkundler, Handelsreisende oder Reiseschriftsteller berichten, mit eigenen Augen zu sehen. Der Sehnsucht oder auch der Not, die in die Ferne treiben, folgt nur zu oft das Heimweh auf dem Fuße. Mit dem Heimweh schließt sich der Zirkel eines Begehrens, das nie recht Erfüllung findet.
Heimat entsteht in der Fremde
Hirsch veranschaulicht den Vorgang am Beispiel von Eichendorffs Roman »Aus dem Leben eines Taugenichts« von 1826. Die Hauptfigur zieht es nach Rom, dem ersten Sehnsuchtsort eines romantischen Deutschrömertums, das dort der Enge in einem restaurativen, nach dem Wiener Kongress von 1814/15 in seinen Fortschrittshoffnungen vollends beschnittenen Deutschland entkommen will. Am vermeintlichen Erfüllungsort des Fernwehs vollzieht sich für den »Taugenichts« dann der denkwürdige Perspektivenwechsel. Aus dem Deutschland der Sorgen und Nöte wird unversehens der Sehnsuchtsort einer »schönen alten Zeit«. Das Heimweh, die Sehnsucht nach einer verlassenen und nunmehr positiv konnotierten Heimat entsteht. Hirsch verallgemeinert diese Erfahrung in der Einsicht, »dass Heimat erst in der und durch die Fremde entsteht«.
Hirsch verfolgt im Weiteren, wie der romantische Heimatbegriff nationalistisch vereinnahmt wird. Auch hier finden sich eigentümliche Widersprüche und Aporien. Auf die Spitze getrieben werden sie vom Nationalsozialismus, der mit Bergfilmen und Heimatromanen eine ganze »kulturelle Heimatindustrie« ins Werk setzt, um diese gleichzeitig mit der »Zurichtung und Industrialisierung der deutschen Kulturlandschaften im großen Stil« zu konterkarieren. Zieht man noch die Zerstörung des Landes durch den von den NS-Machthabern heraufbeschworenen Krieg und die Vertreibungen in seinem Gefolge hinzu, dann kann man mit Fug und Recht sagen, dass es in Deutschland nie mehr Heimatzerstörung gegeben hat als während der Naziherrschaft.
Einen weiteren Hauptabschnitt seines Buches widmet Hirsch dem Heimatverlust, den die vor den Nazis geflohenen deutschen Emigranten erlitten haben. Hannah Arendt, Jean Améry, Ernst Bloch, Walter Benjamin, Hans Jonas und viele andere kommen zu Wort und veranschaulichen die mannigfaltigen Leiderfahrungen des Exils. Das liefert nicht nur ein historisches Zeitbild, sondern auch eine gute Folie für das Verständnis jener Menschen, die heute die Folgen von Flucht und Vertreibung ertragen müssen und die auf die Solidarität von anderen existentiell angewiesen sind.
Um die Komplexität des Heimatbegriffs auszuleuchten, verbindet Hirsch, der Schüler von Jacques Derrida und Bernhard Waldenfels ist, Dekonstruktivismus und Lebensweltphänomenologie miteinander. Der Heimatbegriff ist oft hoch widersprüchlich, aber das, was er fassen soll, ist dennoch nicht einfach nichts. Nach Hirsch sind Menschen auf ein Minimum an Vertrautheit, Geschütztheit und sozialem Entgegenkommen angewiesen, das gerade auch im Heimatbegriff zur Sprache kommt. Die Basis für diese These findet Hirsch in der leiblichen Verfasstheit menschlichen Daseins, die er in die Räume des alltäglichen Lebens zurückverfolgt, bis in die Behaglichkeit des Bettes. In der geschützten Wohnung beginnt auch die Ich-Konstitution des Kindes. Denn anfänglich wird das Dasein nicht wie bei Heidegger »in die Welt geworfen«, sondern in aller Regel in »eine Wiege« und ein »erstes Bettchen gelegt«. Das Leben beginnt mit einem schützend entgegenkommenden Umfeld, das eine Urheimat bereitstellt, in die hinein sich das Kind entwickeln kann.
Ausgehend davon erweitert Hirsch den Blick auf das Wohnen und einen Städtebau, der über die schiere Funktionalität der Bauten nur zu oft die Chancen auf Beheimatung verspielt. Vom Wohnen kommt Hirsch auf die Gastfreundschaft. Es geht dabei nicht nur um die Aufnahme des Fremden im eigenen Wohnumfeld, sondern auch um die Geschichte eines Weltbürgerrechts. Hirschs Überlegungen bieten hier viele produktive Hinweise für eine zeitgemäße Integrationspolitik.
Heimatverlust durch Klimawandel
Eine große Klammer bildet für Hirsch unsere industrielle Moderne, mit all den Formen des Heimatverlustes, die ihr endemisch sind und die die verschiedensten Anforderungen einer Wiederbeheimatung hervorbringen. Besonders drängend ist heute der Heimatverlust durch die Zerstörungen, die das Anthropozän hervorbringt – und alles infrage stellen könnte, was Menschen in den dunkelsten Abschnitten ihrer Geschichte widerfahren ist. Die abgebaggerte Landschaft im rheinischen Braunkohlerevier wird so zum Bild für die Brüchigkeit der Beheimatung auch im globalen Maßstab. Aber auf welche Art von Beheimatung darf der Mensch des Anthropozäns hoffen?
Für Hirsch ist es nicht zuletzt die Hinwendung zu einem terrestrischen Denken, das ohne Blut-und-Boden-Mystik achtsam auf das globale ökologische System schaut, auf dem unser aller Leben beruht: »Vielleicht bedarf es eines neuen kritischen oder möglicherweise skeptischen Heimatwehs, um eine neue ›terrestrische‹ Sensibilität und ein neues ›terrestrisches‹ Bewusstsein zu entwickeln«. Es geht um ein Engagement dafür, dass die gemeinsame Erde überhaupt noch so etwas wie Beheimatung erlaubt.
Ein solch kritisches »Heimatweh« schärft den Blick auf die Konstitutionsbedingungen des Heimatbegriffs im Holozän, also in jenem gut 10 000 Jahre währenden Zeitraum eines relativ gleichbleibenden und gemäßigten Klimas, der nun zu Ende geht und der die sesshaften agrarischen Kulturen und die auf ihnen fußenden Hochkulturen der Vormoderne hervorgebracht hat. Das stationäre Leben, das mit Ackerbau und Viehzucht verbunden ist, unterscheidet sich grundlegend von der nomadischen Lebensweise der früheren Jäger-und-Sammler-Gemeinschaften und bildet wohl die Grundlage dafür, was im Übergang zur Moderne dann als Heimweh aufscheint. Im Anthropozän wirkt diese an den Industrialismus verlorene »kleine« Heimat wie ein Vorgeschmack auf den »großen« Heimatverlust, der sich mit der Zerstörung der Lebensgrundlagen des heimatlichen Planeten vollzieht. h
Alfred Hirsch: »Heimatweh. Eine philosophische Erzählung«, Verlag Karl Alber, Baden-Baden, 2025, 260 Seiten, 34 Euro.
Alfred Hirsch, geb. 1961, ist Professor für Philosophie an der Universität Witten/Herdecke.