Ausgabe März 2026

Tugend als Staffage, Hierarchie als Ziel

Wie sich die Neue Rechte auf die Antike bezieht

Statue des spartanischen Königs Leonidas bei den Thermopylen, Griechenland (IMAGO / Pond5 Images)

Bild: Statue des spartanischen Königs Leonidas bei den Thermopylen, Griechenland (IMAGO / Pond5 Images)

Platon, Cato und Cicero erfreuen sich bei neurechten Denkern wachsender Beliebtheit. Deren Bezug auf die Klassiker ist allerdings ein spezieller. Statt an die antiken Ideale von Freiheit und Gleichheit anzuknüpfen, interpretiert die Neue Rechte die antiken Philosophen als Vordenker des Antiliberalismus.

Was haben wohl die beiden folgenden Ereignisse gemeinsam, wofür stehen sie? Im Februar veranstaltete der äußerst rechte, sich zutiefst traditionsbewusst gebende Thinktank »Europa Aeterna – Akademie für politische Philosophie« eine Konferenz zum Thema »Platon und Europa«.1 Im Ankündigungstext heißt es: »Platon […] ist schlicht und einfach der bedeutendste, einflussreichste, weil auch der stärkste Denker des Abendlandes«. Das zweite Ereignis liegt weiter in der Vergangenheit. Ein »Bundeslager 2020« der Identitären Bewegung (IB) wurde von dieser qua Kurzvideo effektiv in Szene gesetzt. Bei ihrer Außenkommunikation setzte die IB dabei auf ein Homer-Zitat2, auf den Spruch »Spartas Mauern sind seine Männer« oder auf einen in Szene gesetzten Holzblock mit der Aufschrift »Hopliten«. Das verweist auf griechische Bürgersoldaten, die in der Streitformation »Phalanx« kämpften. Entsprechend nennt sich der Internet-Shop der IB »Phalanx Europa«. 

Die doppelte Gemeinsamkeit zwischen den beiden Fällen ist offensichtlich. Es werden starke Bezüge zur Antike hergestellt, und zwar von zwei dezidiert rechtsextremen Organisationen. Aber es gibt auch Unterschiede zwischen den Anbietern. Während die IB in der Videodarstellung ihres Trainingscamps explizit faschistisch auftritt, mit einheitlichem Lambda-Shirt, Kampftraining und angedeuteter SS-Rune im Bild, geriert sich die »Akademie für politische Philosophie« intellektuell und konservativ wertgebunden. Trotz der ostentativen Beschwörung des Konservatismusbegriffs durch »Europa Aeterna« gehören die Macher jedoch zum großen Feld der Neuen Rechten – ebenso wie die IB-Truppe und ihre mehr oder weniger vermummten, sich ständig neu gruppierenden Ableger namens »Sachsengarde«, »Reconquista21« oder »Revolte Rheinland«. 

Die illustrierten Übereinstimmungen und Unterschiede verweisen auf eine relative Leerstelle bei der Betrachtung des rechten Spektrums. Um besser zu verstehen, was sich derzeit auf der äußeren Rechten abspielt, was ihren elektoralen, diskursiven und politisch-kulturellen Erfolg ausmacht, ist es sinnvoll, ihre verschiedenen Bezugnahmen auf die Antike in den Blick zu nehmen. Am vermeintlichen Randthema wird nämlich deutlich, wie vielschichtig-geeint und anziehend diese antidemokratische und der Aufklärung mit Ablehnung begegnende Bewegung heute auftritt. »Metapolitik« heißt die neurechte Eigenbeschreibung dieses Vorgehens. Unbekannte Randfiguren wie Felix Dirsch sind dafür relevanter als Politkarrieristinnen à la Alice Weidel.

Dirsch führt einen armenischen Professorentitel, publiziert im gesamten Spektrum von Neuer Rechter und Christlichem Fundamentalismus – und er fungiert als »Obmann« von »Europa Aeterna«. Wenn es ihm und seinen Mitstreitern gelingt, den aufklärungsaffinen Althistoriker Egon Flaig als Beitragenden in Sammelbänden zu präsentieren3, hat die rechtsextreme Metapolitik ihre Wirkmächtigkeit unter Beweis gestellt. Mehr noch: Sie besitzt eine fatale Eigendynamik, saugt auf. Die Antikenrezeption der Neuen Rechten und des sich davon kaum noch unterscheidenden Neuen Konservatismus4 steht für eine geradezu skrupellose Instrumentalisierung der politischen Ideengeschichte, die dabei als eine Technik der diskursiven Einheitsbildung dient, indem intellektuelle und andere Botenstoffe ausgesondert werden. Deshalb betreibt die Szene den augenscheinlich mitreißenden Zinnober. Hier geht es um allianzbildende, eine breite Gefolgschaftsgemeinschaft anstrebende Politik im machttechnischen Sinn des Wortes. Dass das Programm aufzugehen droht, verdeutlicht ein näherer Blick auf die wesentlichen drei Stränge der neurechten Antikenrezeption. Diese drei Stränge sind international vernetzt und überlappen sich. 

Die Antike als Pop

Zweifelsohne betreibt die IB in ihren Videos keine tiefgehende Exegese antiker Philosophie und Geschichte. Die Bezüge stehen vielmehr für eine popkulturelle Ausformung des Phänomens, deren Stilmittel auf eine kämpferisch-kriegerische Basisideologie verweisen. Männliche Wehrhaftigkeit, aktive Tat und ultimative Opferbereitschaft sind Grundelemente dieses ersten Rezeptionsstranges: »Antike als Pop«. 

Im Kurzvideo zum »Bundeslager 2020« spielt die IB mit dem Hopliten-Holzblock auf die Schlacht bei den Thermopylen an, auf die angebliche Opferbereitschaft der Spartaner und ihres Anführers Leonidas. Als Ausbilder der IB fungieren dabei die Kader Martin Sellner und Philipp Huemer. Letzterer, der unbekanntere von beiden, hat mittlerweile beim antisemitischen österreichischen Rechtsaußenkanal Auf1 angeheuert. Sellner orientiert sich stilistisch an Falco. Er bezieht sich gerne auf die lange postantike Phase der in diesen Kreisen vielbeschworenen »Reconquista«, also der Christianisierung der iberischen Halbinsel.5 Der schillernde, auf das Mittelalter verweisende Begriff ist der interne Kampfaufruf der Neuen Rechten. Doch Sellner hat auch ein Faible für die Antike, deren angeblicher Geist sich propagandistisch gut nutzen lässt. Im Jahr 2018 berichtete er euphorisch von einem IB-Lager in Frankreich, das er als »Leitungskader« mitgestalten durfte.6 Thema des Schulungstreffens sei die griechische Antike gewesen, von der man zahlreiche Inspirationen übernehmen könne. Sellner skizziert dabei gut vermittelbare Analogien, in Form von Bezügen auf die freie Rede gegen die angebliche Tyrannei im Inneren und auf den angeblichen Gegensatz zwischen Europa und Asien. Er schreibt: »Die ›Isegoria‹, die freie und gleiche Rede als Synonym für Demokratie, wurde als politisches Äquivalent der Phalanx identifiziert. Das gegenseitige Vertrauen freier Männer siegte in der Phalanx, dieser ›Polis in Waffen‹, gegen die multikulturellen, von Zwang und Terror zusammengehaltenen Perserheere.«

Männliche Wehrhaftigkeit, aktive Tat und ultimative Opferbereitschaft – das sind Grundelemente der rechten Rezeption der Antike.

An anderer Stelle führt Sellner offen aus, worin seines Erachtens der primäre Sinn solcher Analogien bestehen sollte. In seinem Buch »Regime Change von rechts« betont er die Bedeutung des »mobilisierenden Mythos« einer »Gegenkultur«, der die »rationale Theoriebildung« um eine emotionale Ebene ergänze.7 Eben das ist die Aufgabe der verpoppten Darstellung antiker Bezüge, sei es in einem faschistoiden Lager, in Form eines Einheitssymbols »Lambda«, in Form eines rechtsextremen Modelabels oder praktiziert als überschwänglich-pseudointellektuelle Sicht auf eine Schulungsveranstaltung zur Antike – geschrieben vom Mitveranstalter. Es geht um eine Illusion, und zwar darum, den Rezipienten das Gefühl zu geben, Teil eines immerwährenden Ganzen zu sein. »[E]motional identitätsstiftend« soll der Mythos sein, schreibt Sellner.8

Mit David Engels reiht sich auch ein Althistoriker in diese popkulturelle Instrumentalisierung der Antike ein.9 Als Autor machte der Anhänger Oswald Spenglers von sich reden, indem er Analogien zwischen dem Niedergang des römischen Reiches und der Jetztzeit des Westens zog. Engels propagierte Vorlieben für ein neues Cäsarentum, später und bis heute dann für ein christlich-fundamentalistisches und theokratisches Weltbild. In jedem Fall sei kulturelle Pluralität negativ, das lehre das alte Rom. Er bezieht sich handlungsleitend auf Kaiser Augustus, der die Nachwelt vor einer zu ausgedehnten Freilassung von Sklaven gewarnt habe. Engels schreibt in diesem Zusammenhang: »Ist eine ähnliche Umkehr im heutigen Europa zu erwarten? Wer aus der Geschichte lernen will, muss den Mut haben, sie ernst zu nehmen.«10 Die Schlagzahl an propagandistischen Beiträgen von David Engels, die oft wissenschaftlich verpackt daherkommen, sucht ihresgleichen. Dabei ist feststellbar, dass er sich zunehmend auch auf die bildlich-narrative und popkulturelle Dimension von Ansprache verlegt hat. Mittelalter, Antike und das Fantasy-Genre werden bedient und in Videointerviews Hieb- und Stichwaffen platziert.11 Sein X-Account zeigt christliche Darstellungen und antike Schlachtengemälde. Neben Spengler ist J.R.R. Tolkien, der Schöpfer von »Herr der Ringe«, Engels' zentrales Idol. In einem typischen Beitrag skizziert der Autor die Lektüre dieser Fantasy-Literatur als persönliches Erweckungserlebnis »hin zu einem christlich fundierten moralischen Absolutismus«. Er spricht von »Widerstandsliteratur«.12 An anderer Stelle beschwört Engels in angeblicher Anlehnung an Tolkien und dessen Werk die Hoffnung, dass das »Heilige Römische Reich« wiederhergestellt werde, und zwar mit der Zentrale in Rom. Er schreibt: »Es wäre nicht das erstemal in der Geschichte der großen Hochkulturen, daß auf die Endphase zivilisatorischen Verfalls eine letzte, gleichsam ›augusteische‹ Spätblüte erfolgt, welche dem gesamten Verlauf der jeweiligen Vergangenheit erst Sinn und Ziel verleiht.«13

Die Parallelen zum Trumpismus sind frappierend.

Dass diese Schwülstigkeit Anklang findet, ist nicht überraschend, stellt in offiziellen Kontexten jedoch ein ernsthaftes Krisensymptom dar. Engels ist mittlerweile stolzes Mitglied des wiedergegründeten St. Georgs-Ordens. Im September 2025 veranstaltete der Orden als Kooperationspartner ein Kolloquium auf dem von zahlreichen staatlichen Stellen unterstützten 21. »Salzburg Europe Summit«. Engels konnte sich dort ernsthaft als kühler Analyst einer europäischen Identitätskrise und als Mann der Mitte gerieren, der im Christentum das Wertefundament Europas sieht.14 Nachfragen zu seinen hinreichend bekannten Positionen, also zu mal bildlichen und mal publizistischen Kampfaufrufen gegen die demokratische politische Ordnung15, gab es nicht. Insgesamt bespielt Engels die popkulturelle Kategorie »Opportunistische Beliebigkeit«. Je nach Ort wird die Platte gewechselt: mal Kampfmusik, mal Softpop, mal Fantasy-Soundtrack. Und auch über die negativen Folgen überwundener Sklaverei wird man ja wohl noch nachdenken dürfen. War ja nur eine gedankliche Analogie, heißt es dann gerne. Die Parallelen zum Trumpismus sind frappierend. 

Die angeblichen Werte der Antike

Ein zweiter Strang der neurechten Antikenrezeption benutzt die Zeitspanne weniger als Sprungbrett für recht willkürliche historische Analogien oder werbetechnisch aufbereitete Heroismus-Beschwörungen. Die Vertreter dieses Stranges beziehen sich vielmehr auf einen vermeintlichen antiken Wertekanon, der heute reaktiviert werden soll, nachdem ihm die Aufklärung und ihre Ausläufer angeblich den Garaus machen wollten. Die Sichtweisen münden dabei in hierarchischem und autoritärem Denken – und zwar unverhohlen und offensiv.

Felix Dirsch ist einer der Autoren, die eine derartige Haltung als Konservatismus ausgeben. Im 2012 erschienenen Buch »Authentischer Konservatismus« propagiert er einen, so sein Ausdruck, »ewigen Konservatismus«.16 Darin einzuordnen seien Thukydides mit seinem negativen Menschenbild, Cato der Ältere mit seinem Verweis auf die normative Bedeutung der Tradition und vor allem Platon. Der steht laut Dirsch für »die Manifestation des Transzendenten« im Sinne »politischer Theologie« sowie für die Notwendigkeit, »Ordnung« durch Einordnung herzustellen; denn »der Einzelne« habe »sich stets einzugliedern«.17 Dirsch schreibt: »Da man in vielen Fällen unschwer erkennt, dass Gerechtigkeit nichts mit Gleichheit, sondern mit Ungleichheit zu tun hat, bleibt das Modell der Ungleichheit ein grundlegender Bestandteil des ›ewigen Konservatismus‹«.18 Schließlich zieht Dirsch eine Linie von Platon bis hin zum Homogenitätspostulat des »Ethnopluralismus« von Alain de Benoist, freilich ohne jegliche Distanzierung.19 

Dirschs Programm eines die Subordination begründenden neurechten Antikenbezugs formulieren auch international präsentere Autoren. Die Argumentation ist ähnlich, was ihren Widerspruch nicht aufhebt. Ewige Werte und vor allem eine darauf begründete Hierarchie werden beschworen, während der Liberalismus mit seiner Zuerkennung individueller Rechte letztlich für die Tyrannei der Wenigen und des Falschen stehe. Es geht den Autoren also nicht um die grundsätzliche Überwindung von (angeblich vorhandenen) autoritären Herrschaftsstrukturen, sondern um die Implementation einer herrschenden Klasse nach ihrem Geschmack. 

Es geht um die Implementation einer herrschenden Klasse nach dem Geschmack der Rechten.

Beispielhaft dafür stehen die Thesen des schillernden niederländischen Rechtsprofessors Andreas Kinneging. Im Jahr 2022 sprach er zum zehnjährigen Jubiläum der Berliner Bibliothek des Konservatismus20, einer zentralen Scharnierinstitution, die den Zweck verfolgt, Konservatismus und Neue Rechte sukzessive zusammenzuführen. Kinneging wendet sich dabei wie gewohnt strikt gegen die Aufklärung sowie, hier implizit Carl Schmitt folgend, gegen die Romantik.21 Das Wertefundament unserer Zivilisation sei etwa 2500 Jahre alt, könne mit »Athen und Jerusalem« beschrieben werden und stehe heute vor dem endgültigen Zerfall – ausgelöst durch subjektivistische, ökonomistische, hedonistische, »globalistisch[e]«22 und individualistische Konzeptionen, die seit dem 17. Jahrhundert mehr und mehr en vogue seien, so der Tenor von Kinnegings Vortrag. Gleichwohl wendet er sich gegen einen gruppenegoistischen »romantische[n] Nationalismus«.23 Dem setzt er einen traditionalistischen, gemeinschaftsbezogenen Nationalismus entgegen. Es gehe um »Geborgenheit in der Gemeinschaft«24, wobei vor allem kleine Gemeinschaften und Dezentralisierung von Bedeutung seien. Anzustreben sei außerdem die Schaffung einer europäischen Konföderation nationaler Gemeinschaften auf der Basis einer von Kinneging singulär gedachten europäischen Tradition.

Dieses Programm könnte nun als konservativer Ausfluss einer republikanischen Demokratietheorie gedeutet werden. Jedoch unterscheidet sich Kinneging in seinen Ansichten fundamental von einer solchen, von Hannah Arendt oder Dolf Sternberger paradigmatisch vollzogenen Rezeption der Politikvorstellung von Aristoteles. Kinnegings traditionalistische Position geht über eine pluralismuskompatible Kritik des Liberalismus hinaus – sie ist fundamentalistisch.

Kinnegings zentrales Axiom ist die Notwendigkeit der Unterscheidung von Gut und Böse. In der Einleitung seines Buches »The Geography of Good and Evil« (2009 [2005]) skizziert er die Lektüre von Cicero und Platon als persönliches Erweckungserlebnis, das ihn auf den Pfad eines an der Antike geschulten Traditionalismus und christlichen Glaubens gebracht habe. Denn hier würden »essentielle moralische und existenzielle Wahrheiten« formuliert. In diesem Sinne seien »Gut und Böse […] objektiv und universell«, also keine »subjektiven Urteile«. Darauf basierend formuliert Kinneging eine Tugendlehre, bei der die Toleranz nur eine Nebenrolle spielt. Vor allem den politischen Eliten schreibt er eine große Verantwortung zu, bezieht sich dabei offensiv auf Platons Ständelehre und mahnt den Wert einer speziellen Erziehung der politischen Führungsschicht an. Noch wird das Programm aber vergleichsweise gemäßigt präsentiert, mit Bezug auf die Notwendigkeit der Gewaltenteilung und mit Verweis auf die Möglichkeit, die Erziehung in Schulen für alle zu verbessern, sodass jeder und jede zum potentiellen Wächter des Staates im Sinne Platons aufsteigen könne. 

Ein wahrhaft verstandener Traditionalismus müsse Gleichheit fundamental zurückweisen.

In späteren Veröffentlichungen wird Kinneging expliziter und wird seine Orientierung an einer überkommen geglaubten, buchstäblich antiken Hierarchiekonzeption offensichtlicher. Kinneging spricht sich in einem Aufsatz aus dem Jahr 2016 für eine Aristokratie von wohlhabenden und zum Regieren erzogenen Menschen aus.25 Wer die positiven Eigenschaften der Aristokratie und ihrer Fähigkeit zum tugendhaften Regieren haben wolle, der müsse auch die traditionellen Verfahren akzeptieren, so sein Argument.26 Zwar sei, wie er schreibt, »neues Blut« bisweilen nötig, aber es dürfe auch nicht überhand nehmen: »Zu viel neues Blut in einem kurzen Zeitraum kann leicht zur Zerstörung eines aristokratischen Ethos führen, der über Jahrhunderte hinweg langsam aufgebaut wurde.«27 Platon, Aristoteles und Cicero fungieren als Gewährsmänner. Ein Jahr später setzt sich Kinneging in einem Aufsatz mit Peter Simpsons Konzeption einer illiberalen Ordnung auseinander.28 Dessen, auf einen moderater gelesenen Aristoteles rekurrierender Vorschlag ist dem Niederländer nicht strikt genug. Ein wahrhaft verstandener Traditionalismus müsse Gleichheit fundamental zurückweisen und den Prinzipien der Monarchie, der Aristokratie, der Hierarchie, des Patriarchats, der feudalen Ordnung, der Unfreiheit und des Gehorsams folgen. Diese normativen Leitbegriffe nennt Kinneging wörtlich.29 Es bedarf keiner anspruchsvollen Hermeneutik, um solche Bezugnahmen der Neuen Rechten auf die Antike einzuordnen. 

Zwischen Republikanismus und Diktaturlehre

Etwas anders verhält es sich mit dem dritten Strang der neurechten Antikenrezeption. Hier liegt eigentlich ein Bezug auf republikanische und demokratiekompatible Prinzipien vor. Es geht anfänglich um eine Liberalismuskritik, die Gewaltenteilung, Pluralität und Aufklärung nicht für obsolet hält, sich dann aber doch radikalisiert.

Ein Vergleich des Buches »Warum der Liberalismus gescheitert ist« von Patrick J. Deneen (2018) mit dessen jüngstem Werk »Regime Change. Towards a Postliberal Future« (2023) steht für diese Radikalisierung – auch der Antikenrezeption. In seiner Abgesangsschrift auf den Liberalismus zeigt sich Deneen angetan vom Freiheitsverständnis der Antike, das er einer abzulehnenden liberalen Freiheitskonzeption gegenüberstellt, der es nur um die Befriedigung von Begierden gehe. Er schreibt: »Das antike Denken strebte einen sich selbst verstärkenden Kreislauf an zwischen dem Gemeinwesen, das die Förderung tugendhafter Individuen unterstützt, und tugendhaften Individuen, die das bürgerliche Leben einer auf das Gemeinwohl ausgerichteten Politik gestalten. […] Freiheit war also jener Zustand, der durch Selbstbeherrschung – als Kontrolle der eigenen Begierden und des Verlangens nach politischer Herrschaft – erreicht wurde«. Deneen spricht von einem »antike[n] und christliche[n] Verständnis von Freiheit als Selbstbeherrschung und Selbstdisziplin«. Er strebt aber im Jahr 2018 keine fundamentale Wiederbelebung antiker Ordnungsvorstellungen an. Deneen bezieht sich hier vielmehr auf eine Traditionslinie, die durchaus von Errungenschaften des Liberalismus ausgeht, welche aber letztlich als Weiterentwicklung antiker Traditionen zu verstehen seien – und nicht als Bruch, wie im Falle des Freiheitsbegriffs konstatiert. 

»Freiheit, Gleichheit, Würde, Gerechtigkeit, Rechtsstaatlichkeit […] existieren seit der Antike«, schreibt er. Darauf basierend wird im Jahr 2018 die abstrakte Hoffnung formuliert, mittels der Förderung einer auf dem Prinzip der Gemeinschaft basierenden, subsidiären »Gegen-Antikultur«30 eine Wiederbelebung der Demokratie erreichen zu können. Kurzum: Das ließe sich noch als konservativ-kommunitaristische Position lesen.

Adrian Vermeule und Ryszard Legutko, zwei Schwergewichte der antidemokratischen Rechten, haben Deneen im Anschluss an »Why Liberalism Failed« quasi folgerichtig vorgeworfen, zu sehr an liberaldemokratischen Prinzipien festzuhalten.31 In der Tat fehlte der Liberalismuskritik von Deneen bis dahin die auch für die neurechte Antikenrezeption übliche Konsequenz, denn die Gewaltenteilung wurde nicht explizit negiert. 

Die antike Tugend-Tradition ist nur Staffage. Letztlich geht es um Gefolgschafts- und Einheitsbildung, Kampf sowie Hierarchie.

Deneen hat sich das offensichtlich zu Herzen genommen. In »Regime Change« wird nunmehr ein revolutionäres Umsturzprogramm präsentiert, das mit den konservativen Idealen der Mäßigung und des Bewahrens nicht vereinbar ist. Herzstück ist die Konzeption einer gemischten Verfassung, bei der sich der Autor auf angebliche antike Ideale stützt. Auf dem Weg dahin werden in der Argumentation auch andere Versatzstücke einer angeblichen philosophischen Traditionslinie präsentiert. So sei die von Sokrates und seinen Nachfolgern vertretene Orientierung an objektiven Gerechtigkeitsmaßstäben leider verdrängt worden durch »Multikulturalismus«, »Diversität« und »Identitätspolitik«.32 Demgegenüber sollten platonische und aristotelische Grundsätze wiederbelebt werden.

Das vorgeschlagene Ergebnis dieser Wiederbelebung, Deneen spricht von »Aristopopulismus«, hat jedoch nichts zu tun mit einer Konzeption sich wechselseitig kontrollierender Gewalten, für die der Begriff »Gemischte Verfassung« steht. Die Überlegungen münden vielmehr in einer krude-monistischen Identitätsvorstellung, gegen die sich Aristoteles in der »Politik« mit seinem Vielheitsideal ja eigentlich gewandt hatte. Nicht »checks and balances« oder »demokratischer Pluralismus« seien der Maßstab, schreibt Deneen im entsprechenden Kapitel seines Buches; es gehe vielmehr um »die Erschaffung einer neuen Elite, die sich an den Werten und Bedürfnissen der einfachen arbeitenden Menschen orientiert«.33 Wissender Aristokratismus und singulär gedachter Volkspopulismus sollen eine untrennbare Einheit bilden. Damit ist Deneen beim autoritären Denken von Kinneging und Dirsch angekommen. Die Antike wird auch hier als Bezugspunkt zur Überwindung liberaldemokratischer Grundsätze wie Pluralität, Gewaltenteilung und Dehierarchisierung benutzt.

»Traditionskompanien«

Die Positionierung Deneens zeigt, welche Anziehungskraft die radikalisiert-antidemokratische Lesart der Antike mittlerweile besitzt. Es wäre an sich ein Leichtes und könnte auch von wenig kreativen Geistern als Singularitätsmarker benutzt werden, sich aus konservativer Perspektive von offensichtlich radikalen Positionen abzugrenzen, die reaktionäres Denken mit revolutionären Absichten verbinden. Doch das Gegenteil ist zumeist der Fall. Die wahlweise popkulturell oder philosophisch vorgebrachte Preisung von Hierarchie, Antipluralismus und individueller Entrechtlichung wirkt offensichtlich anziehend. Dabei spielt nicht zuletzt schlichter Opportunismus eine Rolle. Der Beifall einer Fangemeinde, die Opposition zum liberalen Denken als Akt des heroischen, selbstaufopfernden Widerstands feiert, schallt laut. Mittlerweile sind in dem Bereich auch wieder zahlreiche Posten zu vergeben. 

Der Beifall einer Fangemeinde, die Opposition zum liberalen Denken als Akt des heroischen Widerstands feiert, schallt laut.

Andere wiederum nutzen die antiken Bezüge als ganz bewusstes Element der Machttechnik. Hier sind Überzeugungen am Werk, die mit taktischem Geschick interagieren. Im Anschluss an Kinnegings Festvortrag zum Jubiläum der Bibliothek des Konservatismus sagte Karlheinz Weißmann, der die neurechte Szene in Deutschland maßgeblich geprägt hat, man müsse »Traditionskompanien« bilden.34 Solche Kampfaufrufe, die auch international immer wieder angewendet werden, zeigen ihre Wirkung. Deneen, ein zentraler Berater des US-Vizepräsidenten JD Vance, hat sich nach Aufforderung zweier Mitkombattanten stramm in Reih und Glied eingeordnet. An der Loyalität von David Engels, der mit Kinneging, Weißmann, Egon Flaig und einem Moderator auf dem Podium der Berliner Veranstaltung saß, bestanden diesbezüglich nie Zweifel.

Nur einer störte dort ein wenig: Der Althistoriker Egon Flaig vertrat in der Bibliothek des Konservatismus die republikanische Auffassung, es gäbe eine Linie von der Antike bis zur Aufklärung. Verteidigenswert seien die Ideale der »Demokratie […] mit maximaler Partizipation der Bürger«, des »wissenschaftliche[n] Denken[s]«, der »Rechtsgleichheit« mit »Autonomie gegen Eingriffe staatlicher Gewalt« sowie der »politischen Freiheit«.35 Ob Kinneging sich damit anfreunden könne, wurde dieser anschließend gefragt. »Nein«, war dessen Antwort. Daraufhin gab es allgemeine Heiterkeit. Und dennoch ist Flaig weiterhin bereitwillig auf den immer zahlreicher werdenden Kanälen der hier beschriebenen Szene aktiv, obwohl Kinnegings Position deren Mainstream darstellt. Auch das mag ein Kennzeichen jener »Unwiderstehlichkeit« sein, die Hannah Arendt bei revolutionären Prozessen ausmacht.36 Dabeisein ist alles. 

Freiheit, Gleichheit und Gewaltenteilung jedenfalls, die allesamt als Ideen schon in der antiken Philosophie auftauchen, sind – wenn überhaupt – nur rhetorische Bezugspunkte neurechter Antikenrezeption. Es geht um Gefolgschafts- und Einheitsbildung, Kampf sowie Hierarchie. Lediglich als Staffage steht noch Tugend auf den Bannern dieses Kreuzzugs. 

1 Vgl. Konferenz »Platon und Europa« siehe unter europa-aeterna.org. 

2 »Immer der Erste zu sein und voranzustreben den andern und nicht der Väter Geschlecht zu beschämen!« Video abrufbar unter Kevin Lauert, Identitäre Bewegung: Identitäres Bundeslager 2020, youtube.com.

3 Vgl. Felix Dirsch und David Engels (Hg.), Gebrochene Identität? Christentum, Abendland und Europa im Wandel, Bad Schussenried 2022, sowie David Engels (Hg.), Europa Aeterna. Unsere Wurzeln, unsere Zukunft, Neuruppin 2022.

4 Dazu Markus Linden, Neuer Konservatismus und Neue Rechte – Konvergenz oder Divergenz?, in: »Leviathan«, 3/2025, S. 275–294.

5 Z.B. wenn er eine »metapolitische Reconquista« postuliert (Remigration. Ein Vorschlag, Schnellroda 2024, S. 141). In »Regime Change von rechts« (4. Aufl., Schnellroda 2024) spielt der Begriff eine zentrale strategische Rolle. »Ziel der Reconquista ist der Erhalt der ethnokulturellen Identität« (S. 158).

6 Martin Sellner, Der Geist des Lagers (II), sezession.de, 20.8.2018.

7 Sellner, Regime Change von rechts, a.a.O., S. 213.

8 Ebd.

9 Dazu Markus Linden, Apologeten der Diktatur – Die Liberalismus- und Demokratiekritik des neuen europäischen Nationalkonservatismus am Beispiel von Ryszard Legutko und David Engels, in: »Zeitschrift für Politik«, 1/2021, S. 26–47.

10 David Engels, Toleranz und Identität: Rom und Europa im Wandel durch Massenmigration, corrigenda.online, 3.5.2025.

11 So in seiner Online-»Vorlesung« zum Thema »Die Wurzeln des Abendlandes«, youtube.com, 25.7.2022.

12 David Engels, Kinderliteratur? Widerstandsliteratur!, corrigenda.online, 23.11.2023.

13 David Engels, Heroisches Scheitern – Tolkiens Reich, in: »Sezession«, Februar 2020, S. 38.

14 Vgl. Haltung. Orientierung. Hoffnung, youtube.com,22.10.2025.

15 Dafür steht beispielsweise sein Buch »Was tun? Leben mit dem Niedergang Europas«, Bad Schmiedeberg 2020.

16  Vgl. Felix Dirsch, Authentischer Konservatismus. Studien zu einer klassischen Strömung des politischen Denkens, Münster 2012, S. 25–38. 

17 Ebd., S. 32.

18 Ebd., S. 33. 

19 Ebd., S. 36. 

20 Andreas Kinneging, Konservativ oder national? Eine notwendige Differenzierung , youtube.com, 25.11.2022.

21 Zum zweiten Aspekt vgl. bereits Markus Linden, Rattenfängerromantik – Zu einer Strategie der Neuen Rechten, in: »Athenäum«, Jahrbuch der Friedrich Schlegel-Gesellschaft, Sonderband »Romantisierung der Politik – Historische Konstellationen und Gegenwartsanalysen «, hg. von Sandra Kerschbaumer und Matthias Löwe, Paderborn 2022, S. 183–195. 

22 Kinneging, Konservativ oder national, a.a.O., Min. 28:09. 

23 Ebd., Min. 40:55.

24 Ebd., Min. 49:18. 

25 Andreas Kinneging, Democracy Tempered by Aristocracy, in: »Politeja«, 45/2016, S. 5-25.

26 Ebd., S. 19 f.

27 Ebd., S. 22. 

28 Andreas Kinneging, Comment on Peter Simpson’s Political llliberalism, in: »The American Journal of Jurisprudence«, 1/2017, S. 89–101.

29 Ebd., S. 97. 

30 Patrick J. Deneen, Warum der Liberalismus gescheitert ist. Salzburg 2019, S. 143 f, S. 165, S. 253 und S. 262.

31 Ryszard Legutko, Can Democracy Save Us?, americanaffairsjournal.org, 20.2.2018; Adrian Vermeule, Integration from within, americanaffairsjournal.org, 20.2.2018.

32 Patrick J. Deneen, Regime Change. Towards a Postliberal Future, New York 2023, S. 54 (Ebook, Übersetzung ML).

33 Ebd., S. 158 f. 

34 Bibliothek des Konservatismus: »Konservativ oder national: Podiumsdiskussion mit A. Kinneging, E. Flaig, K. Weißmann und D. Engels«, youtube.com, 28.11.2022, min. 42:55.

35 Ebd., ab Min. 45:40.  

36 Hannah Arendt, Über die Revolution, München 1965, S. 57. 

Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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