Tugend als Staffage, Hierarchie als Ziel
Platon, Cato und Cicero erfreuen sich bei neurechten Denkern wachsender Beliebtheit. Deren Bezug auf die Klassiker ist allerdings ein spezieller.
Platon, Cato und Cicero erfreuen sich bei neurechten Denkern wachsender Beliebtheit. Deren Bezug auf die Klassiker ist allerdings ein spezieller.
Da steht sie: im weißen Hosenanzug, breitbeinig, die Fäuste in die Hüften gestemmt und schaut direkt in die Kamera. Selbstbewusst wirkt sie, jung – und streitlustig. Das Bild ist 1930 im Urlaub auf Hiddensee entstanden, da war Mascha Kaléko 23 Jahre alt.
Jüngst wurde die Schriftstellerin Ursula Krechel mit dem renommierten Büchner-Preis ausgezeichnet. Wer einen Einstieg in ihr breit gefächertes Werk sucht, ist mit dem schmalen Band „Vom Herzasthma des Exils“ gut beraten. In 24 Kurzessays widmet sich Krechel in diesem Buch, unter einem von Thomas Mann geborgten Titel, den Themen Flucht, Migration und Exil – von der Französischen Revolution bis in unsere Tage.
„Black Atlantic“ von Paul Gilroy ist ein Schlüsselwerk der postkolonialen Kulturtheorie. Nach über drei Jahrzehnten erscheint das Buch nun in deutscher Übersetzung. Doch hat es uns auch für die Debatten unserer Gegenwart noch viel zu sagen.
Die Jugend hat sich inzwischen mehrheitlich auf ein Genre geeinigt, das radikal kann. Rap ist die mit Abstand beliebteste Musikrichtung unter Heranwachsenden. Kein anderes Genre prägt den Alltagsverstand junger Deutscher so stark wie Rap.
„Die Weltbühne“ war einmal eine bedeutende, linke Zeitschrift – bis sie unter die Räuber geriet. Einst gegründet von Siegfried Jacobsohn und (kurz) fortgeführt von Kurt Tucholsky und Carl von Ossietzky (lang), war sie in der Weimarer Republik das Blatt mit den wichtigsten linken Stimmen.
Immer wieder heißt es: „Nehmen wir!“ Das expressionistische Gemälde „Zwei weibliche Halbakte“ von Otto Mueller, begonnen im Umland von Berlin im Jahr 1919, wechselt in den folgenden hundert Jahren einige Male den Besitzer, und das nicht immer rechtmäßig.
Echte Männer sind rechts“ – das auf Social Media viral gegangene Video des AfD-Politikers Maximilian Krah ist mehr als nur ein lapidares Bekenntnis zu traditionellen Familien- und Geschlechterrollen. Es ist vielmehr der strategische Versuch, junge Menschen niedrigschwellig an AfD-Positionen heranzuführen. Im provokanten Politainmentstil bespielt die Partei auf den digitalen Plattformen unpolitisch anmutende Themen rund um die Probleme und persönlichen Unsicherheiten junger Männer.
Einen starken Titel hat Christoph Hein für seinen neuen Roman gewählt: „Das Narrenschiff“. Auf diesem Gefährt fällt das Abendlicht vieler Passagiere zusammen mit dem Untergang eines Staats, den sie nach dem Zweiten Weltkrieg aufgebaut hatten.
Es war einmal: Samstag, der 23. Juni 1934. In der Moskauer Wohnung des Schriftstellers Boris Pasternak klingelt das Telefon. Stalins Sekretär Poskrebyschew sagt dem Dichter, sein Chef wolle ihn sprechen.
Die Legende vom superreichen Selfmademilliardär ist ein Kernstück der opulenten Selbstinszenierung des Donald J. Trump. Viele seiner Geschäfte mit Immobilien, Lizenzen, auch seine Fernsehkarriere als Hire-and-Fire-König, beruhen auf der Story, dass Trump es ganz alleine geschafft habe, dank seines Geschäftssinns, seines Genies und anderer großer Gaben.
Vordergründig erzählt Mircea Cărtărescu in seinem neuen Roman die Geschichte von Theodor II., Kaiser von Äthiopien, der von 1818 bis 1868 lebte. Zugleich ist „Theodoros“ jedoch – wie für diesen Erzähler üblich –, eine Ansammlung von Mythen und Fantasien.
Identität zu definieren und konzeptionell genau festzulegen, ist notorisch schwierig. Klar ist, Identität hat etwas mit sozialer Verortung, Gruppengrenzen, Zugehörigkeitsgefühlen und kollektiven Bewusstseinsformen zu tun. Ostdeutsche Identität galt lange Zeit als Problemfall.
Was bedeutet es, einen geliebten Menschen an Verschwörungsideologien zu verlieren? Dieser Frage – und explizit nicht den Ideologien selbst – widmet sich Ika Sperling in ihrem autofiktionalen Comic „Der Große Reset“.
Die zahlreichen Krisen der Europäischen Union, der Brexit, der Aufstieg von Autokratien und Autoritarismen, die Tatsache, dass Parteien mit faschistischer Ausrichtung oder mit Sympathien für den Nationalsozialismus wieder an die Macht kommen – all das sind Entwicklungen, die den Glauben an die universellen Menschenrechte und das Ideal des Friedens zwischen den Nationen, der durch eine normenbasierte internationale Ordnung erreicht werden sollte, erschüttert haben.
„Heimat ist der Ort, an den man heimkehrt, wo man den Koffer auspackt und die Geschenke verteilt, die man mitgebracht hat, die Kleidungsstücke wieder in die Schubladen räumt und die Koffer zurück in den Schrank.“ So einfach ist das mit dem Koffer und der Heimat – wenn man eine hat.
Von der Gegenwart weiß ich nichts, weil ich dabei gewesen bin‘ – immer wieder in den letzten Jahren muss ich an diesen Satz denken. Er stammt aus den Tagebüchern des deutsch-jüdischen Autors Victor Klemperer.“ So beginnt das neue Buch des belgischen, niederländischsprachigen Autors Stefan Hertmans.
Die Berlinale sonnt sich in dem Ruf, ein internationales Filmfestival zu sein. Die Reaktion auf die Preisverleihung 2024 lässt einen allerdings zweifeln, ob alle Verantwortlichen dieser Internationalität wirklich gewachsen sind, und zeigt, wie eine zunehmende Empörungskultur die Kunstfreiheit bedroht.
Wer Anfang der 1970er Jahre in Hannover studierte und mit dem vorgefundenen Zustand der Welt irgendwie nicht einverstanden war, kam am theoretischen Epizentrum der lokalen Studentenszene nicht vorbei: der Fakultät V in der Wunstorfer Straße. Dort waren die Studierenden ihrem eigenen politischen Selbstverständnis nach entweder links oder noch weiter links.
Sprachliche Aggression und körperliche Angriffe, beten und lernen unter Polizeischutz. Das ist für viele europäische Jüdinnen und Juden nicht erst, aber besonders seit dem 7. Oktober 2023 alltägliche Realität.
Am 19. Oktober 2023 erschien auf mehreren einflussreichen Plattformen – unter anderem auf der Website des US-Magazins „Artforum“ – ein offener Brief an Kulturorganisationen. 8000 Menschen aus der Kunstwelt haben ihn unterzeichnet. Der Text thematisiert das Leid in Gaza und verurteilt Israel für das, was seine Verfasser einen „eskalierenden Genozid“ nennen.
Vor 20 Jahren endete für die „Blätter“ eine Ära: Nach gut 47 Jahren im Rheinland, erst in Köln, dann in Bonn, zog unsere Zeitschrift nach Berlin um. Dieser Umzug ging einher mit einem Wechsel in der Redaktion.
Nicht erst seit der russischen Invasion der Ukraine blicken viele Menschen in Zentraleuropa mit Besorgnis nach Moskau. Doch der Gewaltherrscher im Kreml ist nur ein weiterer Protagonist, der vor dem Hintergrund einer deutlich älteren, großen historischen Lage agiert, die das Leben und Sterben in der Region bestimmt.
Lassen Sie mich damit anfangen, dass ich Ihnen eine Geschichte erzähle. Es waren einmal zwei Schakale, Karataka, was sich mit Vorsicht übersetzen lässt, und Damanaka, was Wagemut bedeutet.
Was haben die Mutter, das Bittere und das Meer gemeinsam? Im Deutschen nicht viel, im Französischen schon: „la mère“, die Mutter, „l’amer“, das Bittere, und „la mer“, das Meer. Für Cynthia Fleury ist das nicht nur ein Wortspiel, sondern es beschreibt nichts weniger als das Drama des menschlichen Daseins.