Ausgabe Juli 2024

Die große Entfremdung

Ika Sperling, Der große Rest, Cover: Reprodukt

Bild: Ika Sperling, Der große Rest, Cover: Reprodukt

Was bedeutet es, einen geliebten Menschen an Verschwörungsideologien zu verlieren? Dieser Frage – und explizit nicht den Ideologien selbst – widmet sich Ika Sperling in ihrem autofiktionalen Comic „Der Große Reset“. Dazu nutzt sie zwei Kunstgriffe: Erstens komprimiert sie die Handlung auf einen dreitägigen Kurzbesuch der Protagonistin – erkennbar die Künstlerin selbst – in ihrer rheinland-pfälzischen Heimat. Die dargestellte Familie ist fiktional, aber an Sperlings eigene angelehnt, und hat offensichtlich schon lange über das Abdriften des Vaters im Zuge der Coronapandemie gestritten, die inhaltliche Auseinandersetzung aber längst entnervt aufgegeben. Nun wird das Thema peinlichst vermieden.

Sperlings zweiter Kunstgriff ist grafischer Natur: Sie zeichnet die Vaterfigur konsequent nur schemenhaft als eine Art Wasserwesen, das diffus ausläuft. Es gibt also nicht das eine „Leck“, das man stopfen könnte, um dieses Auslaufen zu verhindern –, die Vaterfigur entzieht sich symbolisch dem direkten „rettenden“ Zugriff durch die Familie. Zugleich verkörpert diese unscharf konturierte Figur die Elastizität von Verschwörungsmythen und ihren Vertretern, die auf jegliche gegen sie vorgebrachten Argumente und Fakten mit immer weiteren Wendungen und Ergänzungen reagieren, wie Wasser, das bekanntlich immer seinen Weg findet.

»Blätter«-Ausgabe 7/2024

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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