Raus aus der Defensive | Blätter für deutsche und internationale Politik

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Emanzipation oder Backlash

Raus aus der Defensive

Für einen nonkonformen Feminismus

von Antje Schrupp

Wir wollten die Welt verändern, und sie haben uns die Gleichstellung angeboten“ – so fasst die italienische Philosophin Luisa Muraro das Dilemma der heutigen Frauenbewegung zusammen.[1] Und vielleicht kann man die gegenwärtigen Feminismusdebatten tatsächlich so verstehen: Sie handeln davon, wo die Grenze zu ziehen wäre zwischen einem „guten“ Feminismus, der die reibungslose Integration von Frauen in die gesellschaftlich-ökonomischen Strukturen voranbringt, und einem „bösen“ Feminismus, der den Bogen überspannt, zu radikal ist, die Leute vor den Kopf stößt, den Boden des Diskutablen verlässt. Ein Feminismus, der sich, mit anderen Worten, nicht mit der Integration der Frauen in das Bestehende zufrieden gibt, sondern dieses Bestehende grundlegend hinterfragt.

Das kann zum Beispiel der Fall sein, wenn jemand mit einer Professur für Gender Studies und Sprachwissenschaft, wie Lann Hornscheidt an der Berliner Humboldt-Universität, vorschlägt, grammatikalisch nicht mehr nach Geschlechtern zu unterscheiden, sondern neutrale Sprachformen zu verwenden – und das nicht nur theoretisch, sondern verbunden mit konkreten Aufforderungen wie etwa der, nicht als Professor oder Professorin, sondern als Professx angesprochen zu werden. Das kann aber auch sein, wenn eine popkulturell-feministische Zeitschrift wie das „Missy Magazine“ Comics druckt, in denen blutige Tampons die Hauptrolle spielen. Es kann der Fall sein, wenn unter Kampagnen wie „#aufschrei“ nicht nur offensichtliche Gewalt gegen Frauen angeprangert wird, sondern gerade die kleinen, alltäglichen Sexismen, die wie nebenbei passieren und in den Augen vieler normal und harmlos erscheinen. Oder es kann sein, wenn feministische Blogs, wie beispielsweise „maedchenmannschaft.net“, sich neu ausrichten und mehr intersektional und antirassistisch werden – und damit eben auch radikaler und weiter entfernt vom Mainstream. Das kann sein, wenn Feministinnen im Internet den Kontakt zu Menschen, mit denen sie nichts zu tun haben wollen, offensiv beenden. Wenn Feministinnen nicht freundlich lächelnd ihre Positionen immer und immer wieder erläutern, sondern selber pampig und aggressiv werden. Oder sich über frauenfeindliche Menschen oder Zustände einfach lustig machen, anstatt sie ernst zu nehmen. Und so weiter und so fort.

»Die Feministinnen sind schuld«

Derzeit sind verschiedene Akteure und Akteurinnen darum bemüht, einen solchen „bösen“ Feminismus disziplinierend in die Schranken zu weisen. Da wären zunächst die gutmeinenden Ratgeberinnen und Ratgeber – mehr Frauen als Männer. In Kommentaren oder Leitartikeln beklagen sie diese „Überspitztheit“ des Feminismus, seine Unseriosität oder Aggressivität. Dadurch würden viele Menschen, zum Beispiel auch sie selbst, abgeschreckt. Obwohl sie selbstverständlich auch für Emanzipation und Gleichstellung sind, weisen sie darauf hin, dass man es eben nicht übertreiben darf. Als Referenz wird gerne auch auf den eigenen Bekanntenkreis verwiesen, der aus lauter Frauen und Männern besteht, die durchaus emanzipiert sind, aber eben mit so einem radikalen überspannten Getue, wie es die Feministinnen an den Tag legen, nichts anfangen können. Ihr Fazit: Schuld daran, dass Feminismus unbeliebt ist oder nicht in den gesellschaftlichen Mainstream vordringt, sind die „bösen“ Feministinnen, die die Bemühungen der „guten“ Feministinnen konterkarieren.[2]

Dieses Narrativ von den Übertreibungen eines radikalen Feminismus, der die gerechtfertigten Forderungen nach Emanzipation und Gleichstellung konterkariert, verträgt sich dabei bestens mit einem karriereorientierten Postfeminismus, der ebenfalls die Schuld für das Scheitern frauenpolitischer Fortschritte bei den Frauen selbst sucht. Für ihn stehen Autorinnen wie Sheryl Sandberg[3] oder Bascha Mika[4], die die Frauen auffordern, die Möglichkeiten der Emanzipation endlich konsequenter zu nutzen. Frauen sollten sich eben persönlich anstrengen, dann könnten sie auch Karriere machen, anstatt die Schuld für den statistisch weiterhin eindeutig belegbaren weiblichen Misserfolg auf dem Weg in die gesellschaftlichen Führungspositionen ständig den Strukturen in die Schuhe zu schieben. Die Botschaft lautet: Die Möglichkeiten für Frauen sind längst geschaffen, jetzt müssen sie sie nur noch nutzen.

Ganz genauso sieht es eine weitere Gruppe von Akteuren, nämlich die Spötter – mehr Männer als Frauen. Sie nutzen den Umstand, dass radikale feministische Positionen quer zum gewohnten Denkrahmen des „gesunden Menschenverstandes“ stehen, um sich darüber lustig zu machen. „Professx, hahaha, Schenkelklopf!“ Meist ist es auch ihnen wichtig, darauf hinzuweisen, dass sie nicht prinzipiell etwas gegen emanzipierte Frauen hätten, ganz im Gegenteil. Aber es ist ihnen ein Anliegen, mal klarzustellen, dass eine Frau, die von ihnen ernst genommen werden will, den Rahmen dessen, was sie persönlich für diskutabel halten, keinesfalls verlassen darf.

Spätestens in den Kommentarspalten zu solchen Artikeln wird dann deutlich, dass dieser Diskurs auf der Basis eines an der Oberfläche unsichtbaren Untergrundes von tiefsitzendem Frauenhass geführt wird. Übelste Beleidigungen, personalisierte Gewaltandrohungen und Vergewaltigungsphantasien brechen sich hier zügellos Bahn – und werden leider allzu oft auch veröffentlicht. Frauen, die sich mit radikalen und nicht mainstreamkompatiblen feministischen Positionen am öffentlichen Diskurs beteiligen, setzen sich unweigerlich solchen Angriffen aus. Weil manche das nicht ertragen können oder verständlicherweise auch einfach nur nicht ertragen möchten, hat diese „Hass-Sprache“ faktisch zur Folge, dass viele dieser Stimmen verstummen. Regelmäßig kommt es vor, dass Feministinnen ihre Blogs schließen oder zumindest die Kommentare, dass sie ihre Twitter-Konten löschen, zumindest für eine Weile, und dass ihre Stimme so aus der Öffentlichkeit verschwindet.

Medial überrepräsentiert: Organisierte Antifeministen

Während also Feministinnen mit radikalen Positionen im öffentlichen Diskurs aus verschiedenen Gründen unterrepräsentiert sind, ist eine andere Gruppe stark überrepräsentiert, und zwar die Maskulinisten, also organisierte Antifeministen. Sie halten Feminismus generell für einen Irrweg und vertreten die Ansicht, dass nicht etwa Frauen, sondern vielmehr Männer die wahren Opfer der gesellschaftlichen Strukturen sind. Feminismus ist für sie eine staatlich unterstützte Verschwörung zur Ausbeutung und Unterdrückung von Männern. Anders als die Hass-Sprecher äußern sie sich meist formal sachlich und geben sich pseudowissenschaftlich, indem sie ihre Ansichten mit zweifelhaften Zahlen oder falsch interpretierten Statistiken untermauern.[5] Obwohl die Maskulinisten nur eine sehr kleine Minderheit unter den Männern in Deutschland ausmachen, sind sie in Online-Debatten unverhältnismäßig stark präsent, denn sie melden sich laut und häufig zu Wort. Und auf diese Weise werden einzelne Versatzstücke ihrer Argumente auch von anderen aufgegriffen: Wenn man etwas nur oft genug gehört hat, glaubt man irgendwann, dass da auch was dran ist.

Unterstützt werden die Maskulinisten in ihrer Propagandaarbeit von Frauen, die das feministische Projekt für gescheitert erklären, weil es den „natürlichen“ Geschlechterrollen widerspreche, und die deshalb für eine Rückkehr zur klassischen familiären Arbeitsteilung zwischen Frauen und Männern plädieren. Ebenso wie die „gutmeinenden Ratgeberinnen“ berufen auch sie sich auf das, was die „normalen Frauen“ im Gegensatz zu den „überspannten Feministinnen“ angeblich wollen, nämlich, so ihre Behauptung, nicht beruflichen Erfolg und gesellschaftliche Führungspositionen, sondern Zeit für Kinder und Haushalt.

Eine durchaus problematische Rolle spielen bei all dem auch die Medien, die in Bezug auf das Thema Feminismus weitgehend jede Haltung verweigern. Die großen Redaktionen beziehen in der oben skizzierten Debatte selbst keine Position, sondern drucken mehr oder weniger abwechselnd Beiträge aus dem gesamten Spektrum ab: Da finden sich fundierte analytische Artikel zum Verhältnis der Geschlechter genauso wie – leider in deutlich höherer Frequenz – polemisches Vorurteilsgepoltere älterer Herren. Neben dem Essay einer Autorin, die erklärt, was der Feminismus alles falsch macht, erhält kurz darauf die Erwiderung einer solchermaßen Kritisierten ebenfalls Platz, nur um ein paar Tage drauf von einem Experten „wissenschaftlich widerlegt“ zu werden. Ebenfalls gerne gedruckt werden auch allerlei subjektive Betroffenheitstexte zum Thema „Frauen und Männer“, deren Autoren und Autorinnen von sich selbst auf andere schließen, so als wäre die Schilderung ihrer persönlichen Befindlichkeit schon gleichbedeutend mit einer politischen oder gesellschaftlichen Analyse. Wovon sie womöglich sogar ehrlich überzeugt sind, denn es handelt es sich in aller Regel um weiße, bürgerliche, aus dem „irgendwas mit Medien“-Spektrum stammende Autorinnen und Autoren, also um Menschen, deren Selbsteinschätzung, die „Normalität“ zu repräsentieren, nur selten in Frage gestellt wird.

Dieses Sammelsurium wird gerne als „Debattenkultur“ gerechtfertigt, ist aber in Wirklichkeit Gleichgültigkeit dem Thema gegenüber. Eine Rolle spielen wird wohl auch, dass mit solchen Debatten leicht Aufreger generiert werden können, die sich dann in Auflagenhöhe oder Klickzahlen, also Werbeeinnahmen, übersetzen lassen. Leider entsteht mit dieser Beliebigkeit in der Berichterstattung über „den Feminismus“ aber auch ein Hintergrundrauschen, das in seiner Gesamtheit den Eindruck erweckt, die hier diskutierten Positionen und Analysen seien bloße Ansichtssache und es sei eigentlich völlig gleichgültig, welche Meinung jemand zu diesem „Frauenthema“ hat. Feministische und antifeministische Positionen werden als „gleichberechtigt nebeneinanderstehend“ gehandelt, als ginge es dabei um Musikgeschmack oder Kleidungsstil.

Obwohl es also zahlreiche Akteurinnen und Akteure gibt, die die aktuelle „Feminismus-Debatte“ in Deutschland vorantreiben, so hat der hier skizzierte Diskurshorizont doch zur Folge, dass im Großen und Ganzen nicht wirklich über politische Inhalte, Theorien und Vorschläge von Feministinnen diskutiert und gestritten wird, sondern sich stattdessen eine Metadebatte über Sinn und Zweck des Feminismus als solchen entspinnt. Dies ist natürlich umso unsinniger, als es „den Feminismus“ ja überhaupt nicht gibt. [6] Feminismus ist schon immer eine pluralistische Bewegung. Sein verbindendes Element ist das Eintreten für weibliche Freiheit, wobei die Geschlechterdifferenz als Analysekategorie zum Verständnis der Welt eine zentrale Rolle spielt. Aber welche inhaltlichen Forderungen, Analysen und Positionen aus einer solchen feministischen Haltung heraus entstehen, das ist nicht nur variantenreich, sondern teilweise sogar gegensätzlich, wie es derzeit beispielsweise im Hinblick auf das Thema Sexarbeit und Prostitution leicht zu beobachten ist: Hier reicht das Spektrum feministischer Positionen von einer uneingeschränkten Anerkennung der Sexarbeit bis hin zur Forderung eines kategorischen Verbots der Prostitution.[7]

Verlässt man das Gebiet der konkreten Alltagspolitik und begibt sich auf die Ebene feministischer Theoriebildung, so ist dieser Pluralismus erst recht nicht zu übersehen. Im Internet ist es besonders leicht, sich rasch einen Überblick über das breite Spektrum unterschiedlicher Positionen zu verschaffen,[8] aber dasselbe gilt natürlich auch im analogen Leben. Es ist das Kennzeichen feministischer Debatten schlechthin, dass gestritten wird – um den richtigen politischen Weg, um die richtige Analyse, um die richtige Perspektive. Doch die gegenwärtigen Metadebatten über „den Feminismus“ glänzen mit vollkommener Unkenntnis über den aktuellen Diskussionsstand. Nicht selten werden in der medialen Darstellung die in feministischen Debatten vertretenen Positionen grotesk verzerrt und verfälscht wiedergegeben. Auch dies ist ein Zeichen dafür, dass es nicht wirklich um eine Auseinandersetzung mit feministischen Ideen geht, sondern lediglich darum, die jeweils eigene subjektive Meinung zum Geschlechterverhältnis zu publizieren – und über Männer und Frauen haben schließlich alle irgendwie eine Meinung. Dass seit langem auch wissenschaftlich zu dem Thema geforscht wird, dass es Aktivistinnen gibt, die aus ihren politischen und persönlichen Erfahrungen heraus zahlreiche Texte und Bücher geschrieben haben, scheint da ganz egal zu sein. Kaum jemand, der sich hier in die Debatte einmischt, hat das gelesen. Im Gegenteil: Ein beliebter Vorwurf gegen „den Feminismus“ lautet, dass er zu akademisch sei. Feministinnen, die Fremdwörter gebrauchen, müssen sich doch nicht wundern, wenn niemand ihre Texte liest.

Politischer Aktivismus – auch gegen den Mehrheitswillen

Für feministische Aktivistinnen ist es in dieser Situation wichtig, sich von dem Metadebatten-Hype möglichst nicht allzu sehr beeinflussen zu lassen. Es besteht nämlich die Gefahr, viel Kraft und Zeit mit Rechtfertigungen und Klarstellungen zu vergeuden. Hilfreich ist es auch, sich klarzumachen, dass das Hauptargument in diesem Konzert – dass „der Feminismus“ ja gar nicht im Namen „der Frauen“ spricht – überhaupt keines ist: Es ist nämlich nicht die Aufgabe einer Feministin, im Namen anderer Frauen zu sprechen, schon gar nicht im Namen einer Mehrheit der Frauen. Feministinnen waren historisch immer eine Minderheit innerhalb der Frauen. Ebenso wie heute die Mehrheit der Frauen keine geschlechtsneutralen „x-Endungen“ haben möchte, war um 1900 eine Mehrheit der Frauen der Ansicht, das Wahlrecht nicht zu brauchen. Politischer Aktivismus hat die Aufgabe, neue Ideen und Vorschläge zu entwickeln. Es kann nicht darum gehen, die eigenen Standpunkte möglichst mit der Mehrheitsmeinung der Bevölkerung in Übereinstimmung zu bringen – und auch nicht mit der Mehrheitsmeinung von deren weiblicher Hälfte.

In gewisser Weise lässt sich die aktuelle Feminismusdebatte dabei auch als ein Fortschritt lesen. Nämlich dergestalt, dass allmählich ein Bewusstsein darüber erwacht – und dann umgehend bekämpft wird –, dass sich der Feminismus nicht so leicht einhegen lässt, wie es viele in den 1990er Jahren noch glaubten. Gerade auch jüngere Autorinnen melden sich mit Publikationen zu Wort und finden durchaus ihre Nische. So ist eine der Initiatorinnen von „#aufschrei“, Anne Wizorek, mit ihrem kürzlich erschienenen Buch „Weil ein Aufschrei nicht reicht“ inzwischen durchaus eine gefragte Referentin und Interviewpartnerin. Sie steht für die Vermittlung eines „jungen“ Feminismus in den öffentlichen Diskurs hinein, ohne sich dabei gefällig und „mainstreamkompatibel“ zu präsentieren. Auch der Buchmarkt bietet eben Platz für beides: nicht nur für Autorinnen, die sich einen Ruf als Nicht-Feministinnen erarbeiten möchten (mit Titeln wie „Tussikratie“ von Theresa Bäuerlein und Friederike Knüpling oder „Wer will schon Quotilde sein“ von Mona Jaeger), sondern auch für solche, die sich gerade als Feministinnen profilieren möchten.[9] Möglich ist das auch deshalb, weil sich Aktivistinnen heute mit einer Vernetzung in den sozialen Medien unabhängig von großen Medienhäusern Reichweite verschaffen können – was sie dann für Verlage und Zeitungen wiederum interessant werden lässt. Auch wer nur einen flüchtigen Blick auf diese Szene wirft, wird jedenfalls sehen, dass sich feministische Positionen nicht so einfach kategorisieren lassen, dass die Übergänge zwischen „Mainstream“ und „radikal“ fließend sind, dass Debatten sich überkreuzen und benachbarte „Szenen“ sich sowohl voneinander abgrenzen als auch gegenseitig beeinflussen.

Die Care-Revolution

Aber der Einfluss von Feministinnen beschränkt sich nicht nur auf die direkte Kommunikation zum Thema „Feminismus“. Fast noch wichtiger ist in den letzten Jahren das themenbezogene Engagement geworden. Inzwischen gibt es eine Reihe von Bloggerinnen oder politischen Aktivistinnen, die sich für ein spezifisches Thema einsetzen – Mode, Netzpolitik, Tierethik, was auch immer –, sich aber gleichzeitig als feministisch verstehen und daraus auch keinen Hehl machen. Als eines der wichtigsten Aktionsfelder, in denen Feministinnen sich in letzter Zeit engagieren, hat sich dabei das Thema „Care“ herauskristallisiert.[10]

Auf die Gefahr, dass sich die traditionellen frauenemanzipatorischen Gleichstellungsforderungen auch sehr gut neoliberal instrumentalisieren lassen – etwa durch die Verfügbarmachung von Frauen als „Human Ressources“[11] oder indem politische Maßnahmen wie das Elterngeld eine Einkommensverteilung von unten nach oben befördern[12] –, haben ja schon viele feministische Theoretikerinnen hingewiesen. Auf dem Gebiet des praktischen Engagements hat das inzwischen zur Folge, dass sich immer mehr Feministinnen dezidiert in sozialpolitischen Themenfeldern engagieren, wie zum Beispiel im bundesweiten Netzwerk „Care-Revolution“, in dem sich Gruppen, Initiativen und Einzelpersonen zusammengeschlossen haben, um Ökonomie aus einer Perspektive der Sorgearbeit neu zu fassen.[13] Diese Initiativen sind sehr stark aus feministischen Hintergründen und auch Theorien gespeist; es geht ihnen aber nicht mehr in erster Linie um eine Verbesserung der Situation „der Frauen“, sondern darum, die feministischen Erkenntnisse und Perspektiven der vergangenen Jahrzehnte „postpatriarchal“ weiterzuentwickeln und in Projekte einzuführen, die die Welt als solche und das Zusammenleben der Menschen generell im Blick haben.[14]

Auf der Suche nach einer gerechten und deshalb radikal anderen Welt

Denn eine Welt, die so ungerecht bleibt, wie sie ist, nur dass das Verhältnis von Frauen und Männern überall fifty-fifty beträgt (sowohl bei denen, die davon profitieren, als auch bei denen, die unter die Räder kommen), ist kein Fortschritt, auch kein feministischer. Ungerechte Geschlechterverhältnisse, wie etwa die ungleiche Verteilung bei Einkommen und Vermögen oder die Überrepräsentanz von Männern in gesellschaftlichen Führungspositionen, sind nicht selbst das Problem. Sie sind lediglich Symptome von Ungerechtigkeiten, die viel tiefer liegen. Deshalb können sie auch nicht mit oberflächlichen Gleichstellungsinitiativen gelöst werden, sondern verlangen radikale, an die Wurzel gehende Analysen und Aktionen.

Gerade den „bösen“ Feminismus, also jenen, der nicht so einfach anschlussfähig ist, brauchen wir heute. Je weniger eine feministische These den Leitartiklern in den Feuilletons unmittelbar einleuchtet, desto interessanter ist sie vermutlich. Das bedeutet keineswegs, dass alle Thesen und Vorschläge radikaler Feministinnen unwidersprochen bleiben sollen, ganz im Gegenteil: Es bedeutet, ihre Thesen und Vorschläge tatsächlich einmal kontrovers zu diskutieren – anstatt sich bloß darüber lustig zu machen, sie als indiskutabel hinzustellen oder gar zu versuchen, ihre Protagonistinnen zum Schweigen zu bringen.

 


[1] Luisa Muraro, Macht und Politik sind nicht dasselbe, Interview vom 26.6.2011, www.youtube.com. 

[2] Vgl. Hannah Lühmann, Menstruationscomics, nein Danke!, www.zeit.de, 12.12.2014; Kristina Schröder, Danke, emanzipiert sind wir selber, München 2012; Theresa Bäuerlein und Friederike Knüpling, Tussikratie. Warum Frauen nichts falsch und Männer nichts richtig machen können, München 2014. 

[3] Sheryl Sandberg, Lean in. Frauen und der Wille zum Erfolg, Berlin 2013. 

[4] Bascha Mika, Die Feigheit der Frauen: Rollenfallen und Geiselmentalität. Eine Streitschrift wider den Selbstbetrug, München 2011; auch: dies. in „Blätter“, 3/2011, S. 75-84 sowie Paula-Irene Villa und Sabine Hark, Selber schuld? Feministische Ambivalenzen der Gegenwart – und eine Replik auf Bascha Mika, in: „Blätter“, 4/2011, S. 111-120. 

[5] Es gibt inzwischen eine Reihe von wissenschaftlichen Studien zu Struktur, Bedeutung und Argumentationsweisen von Maskulinismus, vgl. Thomas Gesterkamp, Geschlechterkampf von rechts. Wie Männerrechtler und Familienfundamentalisten sich gegen das Feindbild Feminismus radikalisieren, hg. von der Friedrich-Ebert-Stiftung, Bonn 2010; Hinrich Rosenbrock, Die antifeministische Männerrechtsbewegung. Denkweisen, Netzwerke und Onlinemobilisierung, hg. von der Heinrich-Böll-Stiftung Berlin 2012; Robert Claus, Maskulinismus. Antifeminismus zwischen vermeintlicher Salonfähigkeit und unverhohlenem Frauenhass, hg. von der Friedrich-Ebert-Stiftung, Berlin 2014. 

[6] Eine aktuelle Übersicht zum Stand der Debatte bei: Yvonne Franke u.a. (Hg.), Feminismen heute. Positionen in Theorie und Praxis, Bielefeld 2014. 

[7] Exemplarisch wird es an den gegensätzlichen Positionen der beiden wichtigsten feministischen Zeitschriften in Deutschland deutlich: Während das „Missy Magazine“ eine akzeptierende Haltung zur Sexarbeit vertritt hat die „Emma“ einen Appell zur Abschaffung der Prostitution gestartet. 

[8] Einflussreiche unabhängige feministische Gemeinschaftsblogs – die Aufzählung einzelner Bloggerinnen würde hier den Rahmen sprengen – sind zum Beispiel: www.maedchenmannschaft.net, www.kleinerdrei.org, www.frau-lila.de (u.a. mit einem „Lila Podcast“), www.bzw-weiterdenken.de, www.editionf.com, www.feminismus101.de u.v.a. Darüber hinaus gibt es inzwischen auch zahlreiche von Parteien, Institutionen oder Organisationen verantwortete Blogs mit feministischer Ausrichtung. 

[9] Neben dem genannten Buch von Anne Wizorek (Frankfurt a. M. 2014) sind hier z.B. die Bücher von Julia Korbik (Stand Up! Feminismus für Anfänger und Fortgeschrittene, Berlin 2014) sowie Leah Bretz und Nadine Lantzsch (Queer_Feminismus, Münster 2013) zu nennen. 

[10] Vgl. Sebastian Dörfler, Die Care-Revolution. Was ist uns Fürsorge wert?, in: „Blätter“, 4/2014, S. 35-38. 

[11] Vgl. u.a. Nancy Fraser, Neoliberalismus und Feminismus. Eine gefährliche Liaison, in: „Blätter“, 12/2013, S. 29-31. 

[12] Vgl. Antje Schrupp, Umverteilung unter dem Deckmantel Familienpolitik. Next Level, www.antjeschrupp.com, 2.2.2015. 

[13] Vgl. www.care-revolution.org. 

[14] Vgl. Ursula Knecht u.a.: ABC des guten Lebens, Rüsselsheim 2012, www.abcdesgutenlebens.de

(aus: »Blätter« 3/2015, Seite 91-97)
Themen: Feminismus, Medien und Soziale Bewegungen

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