Ausgabe Oktober 2016

Die demokratische Wertschöpfungsunion: Eine neue Erzählung für Europa

Liegt das Kind bereits im Brunnen? Wir wissen es nicht. Es wäre nicht das erste Mal in der Geschichte der europäischen Integration, dass sich eine offenkundige Existenzkrise im Nachhinein als Transformationskrise erweist. In regelmäßigen Abständen gelang es, Perioden wirtschaftlicher Stagnations- und politischer Integrationskrisen in neue Wachstums- und Einigungsschübe umzuwandeln. Immer wieder stifteten hegemoniale Projekte dabei eine Erzählung und halfen so, die Handlungsblockaden zu überwinden. Das Europäische Währungssystem, der Europäische Binnenmarkt und nicht zuletzt der Euro waren solche Projekte.[1]

Doch diesmal liegt die Sache anders. Die Europäische Union steht zweifelsohne auf der Kippe. Selbst unter den dogmatischsten EU-Verteidigern bricht langsam Panik aus. Europa hat sich in einer Mehrfachkrise verkantet, in der diverse Prozesse einander verstärken. Und ein neues hegemoniales Projekt ist nicht in Sicht.

Die europäische Mehrfachkrise…

Ökonomisch gesehen wirken die Migrationsströme aus Kriegs- und Elendsregionen als externer Schock für Arbeitsmärkte und Staatshaushalte. Dieser trifft vor allem im Süden und Südosten der EU zahlreiche Staaten, die seit Jahren mit Massenarbeitslosigkeit und Staatsdefiziten zu kämpfen haben und sich durch eine solidarische Flüchtlingspolitik offenbar überfordert fühlen.

Sie haben etwa 3% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 97% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (2.00€)
Digitalausgabe kaufen (10.00€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Februar 2026

In der Februar-Ausgabe analysiert Ferdinand Muggenthaler die Folgen des US-Militärschlags in Venezuela für Lateinamerika – und erläutert, an welche Grenzen Trumps imperiale Ambitionen auf dem Subkontinent stoßen könnten. Nach vier Jahren russischer Vollinvasion und einem Jahr Trump ist die Ukraine zu einem zentralen Schauplatz im Ringen um eine imperiale globale Ordnung avanciert, argumentiert Steffen Vogel. Ulrich Menzel beschreibt die Konturen des heranbrechenden neuen imperialistischen Zeitalters, in dem das »Trio infernale« – USA, Russland und China – miteinander um die globale Vorherrschaft ringt. Seyla Benhabib beleuchtet unter Rückgriff auf das Denken Hannah Arendts die dramatischen Herausforderungen der Demokratie im planetarischen Zeitalter. Sonja Peteranderl zeigt auf, wie sich deutsche Behörden aus ihrer Abhängigkeit von Trump-hörigen Tech-Konzernen lösen können. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande nicht nur innenpolitisch unter Druck steht, sondern auch ausländische Regierungen politisch Einfluss auszuüben versuchen, zeigt Wolfgang Kraushaar am Beispiel der Kontroverse um die ARD-Israel-Korrespondentin Sophie von der Tann. Und Georg Diez plädiert angesichts der wachsenden Stimmenanteile der AfD für die Abkehr von Parteidisziplin und den Umbau der Demokratie hin zu einer zielorientierten Zwei-Drittel-Republik.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Der Lieferketten-Backlash – und was trotzdem bleibt

von Armin Paasch, Miriam Saage-Maaß

Nach langem Ringen hat das Europäische Parlament am 16. Dezember 2025 dem sogenannten Omnibus-I-Paket zugestimmt, das zentrale Regelwerke des European Green Deal »vereinfachen« soll. Tatsächlich hat die Europäische Volkspartei damit allerdings nicht vereinfacht, sondern vielmehr die »Brechstange« (Manfred Weber, CSU) an die EU-Lieferkettenrichtlinie angesetzt.