Ausgabe Oktober 2016

Schicksalsfrage Anthropozän

Wie wir die Erde aufs Spiel setzen

Fin de Siècle, so hieß in Europa die von Frankreich ausgehende kulturelle Bewegung, die vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zum Zweiten Weltkrieg den Verfall der alten Ordnung humorvoll, provokativ und tiefsinnig zum Thema machte: „Wir, die wir mit einem Fuß schon im zwanzigsten Jahrhundert stehen, sind über alles weit hinaus.“[1]

Am Ende des imperialen Europas gab es ein Durcheinander verschiedener Zeitalter, die im Konflikt zueinander standen: Auf der einen Seite die im Kern noch mittelalterliche Ordnung des Adels, der Kirche und des Militärs, aus der sich die reaktionäre Gegenbewegung gegen die Moderne speiste. Auf der anderen Seite die neue Welt des Kapitalismus, in der große Industriekomplexe entstanden, die Städte explosionsartig wuchsen und die Arbeiterschaft zur starken politischen Kraft aufstieg. In Literatur, Musik und Malerei breitete sich damals das intensive Lebensgefühl von Aufbruch und Fortschritt aus. Die Kaffeehäuser in Berlin, Paris und Wien waren geschwängert von überschäumender Zukunftseuphorie, bizarrem Weltschmerz und frivoler Leichtigkeit. Doch das Fin de Siècle blieb ein Mythos ohne Glanz, den Hugo von Hofmannsthal 1902 in seinem Stück „Ein Brief“ als tiefe Interpretations- und Orientierungskrise beschrieben hat.

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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