Porträt einer Revolutionärin | Blätter für deutsche und internationale Politik

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Porträt einer Revolutionärin

von Steffen Vogel

Bis heute ist sie für viele Linke eine Ikone. Und bis heute wird ihr Erbe zuweilen überlagert von den gegensätzlichen Interpretationen der turbulenten Revolutionswochen ab dem 9. November 1918. Rosa Luxemburg, deren Ermordung sich am 15. Januar 2019 zum hundertsten Mal jährt, übt noch immer eine enorme Faszination aus: als kämpferische Politikerin in einer Männerwelt, als revolutionäre Sozialistin im Kaiserreich und nicht zuletzt als maßgebliche marxistische Theoretikerin.

Zu dieser Popularität trug während des Kalten Krieges paradoxerweise nicht zuletzt ihr politisch sperriges Vermächtnis bei. Genau jene Züge, die ihre bruchlose Eingemeindung in die beiden Hauptströmungen der seinerzeitigen Linken – Sozialdemokraten und Realsozialisten – verhinderten, machten sie für dissidente Bewegungen attraktiv. So war sie in Westdeutschland vor allem bei den 68ern beliebt, die in ihr die Vordenkerin eines dritten Weges zwischen Kapitalismus und Stalinismus sahen. Der SPD hingegen, der Luxemburg die meiste Zeit ihres politischen Lebens angehört hatte, blieb diese Vertreterin einer „revolutionär-plebiszitären“ – und gerade nicht parlamentarischen – Demokratie (so die Sozialismus-Forscherin Christina Morina) immer ein wenig suspekt. Auf der anderen Seite der Mauer tat sich aber auch die SED schwer mit dieser frühen Kritikerin des Bolschewismus, allem ritualisierten Gedenken zum Trotz. Es waren nicht zufällig DDR-Bürgerbewegte, die 1988 mit Luxemburgs berühmtem, gegen Lenin gerichteten Zitat zur Meinungsfreiheit auf der offiziellen Kundgebung am Berliner Friedhof der Sozialisten protestierten: „Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden.“

Auf welches Interesse diese widersprüchliche historische Figur auch außerhalb Deutschlands heute noch stößt, zeigt „Red Rosa“, die biographische Graphic Novel der Autorin Kate Evans. Der Band erschien ursprünglich bei Verso Books, dem größten und anspruchsvollsten unter den britischen 68er-Verlagen, der allein von dieser Ausgabe seit 2015 rund 23 000 Stück verkauft hat. Übersetzungen in 15 Sprachen folgten, darunter nun auch ins Deutsche. Unter dem schlichten Titel „Rosa“ ist der von Jan Ole Arps unter Verwendung zahlreicher Originalquellen exzellent übersetzte Band jüngst vom Berliner Dietz Verlag veröffentlicht worden.

Evans gelingt es in „Rosa“, mit leichter Hand komplexe Zusammenhänge anschaulich zu machen. Das beginnt mit Luxemburgs ersten Lebensjahren als 1871 geborenes Kind jüdischer Eltern im zaristischen Polen. In diesen Passagen genügen Evans wenige Seiten, um einen lebendigen Eindruck von den Zwängen zu vermitteln, denen sich die junge Rosa ausgesetzt sah: Als Jüdin litt sie unter vielfältigen Diskriminierungen, unter anderem blieb ihr das beste örtliche Gymnasium verschlossen. Als Frau sollte sie, auch nach den Vorstellungen ihrer Eltern, vor allem adrett und unterwürfig sein. Und als Mensch mit einem ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit konnte sie die schreiende gesellschaftliche Ungleichheit in einem autokratischen System nicht offen kritisieren. Selbst ihre konspirative Tätigkeit in sozialdemokratischen Kreisen musste sie aufgeben, da sie durch einen Hüftschaden hinkte und daher für die Geheimpolizei einfach zu identifizieren war.

Rosa Luxemburg zog es aus dieser gesellschaftlichen Enge in die Schweiz, wo sie auch als Frau studieren durfte und schließlich in Nationalökonomie promovierte. Hier traf sie auf zahlreiche linke russische Exilanten, darunter ihr langjähriger Lebensgefährte Leo Jogiches. An diesen Stellen taucht Evans in die politischen Debatten der damaligen Arbeiterbewegung ein. Sie erinnert dabei an kaum noch bekannte Dispute, die heute in mancherlei Hinsicht wieder aktuell erscheinen. So diskutierte schon Luxemburg, ob linke Politik besser national oder global verwirklicht werden kann. Sie fragt sich etwa, ob die Sozialisten ein unabhängiges Polen anstreben sollten, und kommt zu dem Schluss, dass ein sozialistischer Staat zwischen dem kaiserlichen Deutschland und dem russischen Zarenreich zerrieben werden würde. Wer die nationale Karte spielt, hilft daher bloß der nationalen Bourgeoisie. Was bleibt, ist nur die Weltrevolution.

1898 zieht Luxemburg nach Berlin, erhält mittels einer Scheinehe die deutsche Staatsbürgerschaft und tritt der SPD bei. Nach der Aufhebung des Sozialistenverbotes verfügt die Partei über 90 Tageszeitungen im gesamten Reichsgebiet, was es der 27jährigen erlaubt, ihren Lebensunterhalt mit Journalismus zu verdienen. In diesen Artikeln, aus denen der Band im historischen Original zitiert, spiegeln sich die prägenden Charakterzüge Rosa Luxemburgs: analytische Strenge und politische Leidenschaft, aber auch eine poetische, fast romantische Seite.

Etwas kurz gerät Evans hingegen die berühmte Kontroverse mit Eduard Bernstein. Gegen sein Plädoyer für evolutionären Wandel innerhalb des Kapitalismus beharrte Luxemburg auf dem revolutionären Bruch. Auf die Hintergründe dieser Debatte – und die Gründe für Bernsteins Annahmen – geht Evans kaum ein, sondern stellt nur knapp fest, dass Luxemburgs Replik ihren Durchbruch als anerkannte Theoretikerin bedeutete. Ausführlicher stellt die Graphic Novel andere wichtige Schriften Luxemburgs vor und vermittelt en passant einige ihrer zentralen theoretischen Grundannahmen, etwa über die unendliche Expansionstendenz des Kapitalismus.

Besonders eindrücklich wird Evans‘ Band in ihrer Schilderung der Kriegs- und Revolutionsjahre. Die überzeugte Internationalistin Rosa Luxemburg gehörte 1914 mit Karl Liebknecht zu den wenigen deutschen Sozialdemokraten, die sich gegen den aufziehenden Weltkrieg stellten. Für sie hatten deutsche und französische Arbeiter mehr miteinander gemein als mit ihren jeweiligen Eliten. Ihre Kriegsgegnerschaft brachte Luxemburg schließlich ins Gefängnis, wo sie hilflos Zeugin dieser Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts wurde.

Das alte Schisma der Linken

Das setzt Evans auch grafisch gekonnt um: Auf einer Doppelseite zeigt sie Luxemburg als Büstenansicht im Profil, mit gesenktem Kopf, gequältem Gesicht und zusammengekniffenen Augen. Über ihre nackten Schultern marschieren Miniatursoldaten nach oben, ziehen Stacheldrahtsperren in ihrem Haar und werden auf ihrem Scheitel von Fliegerbomben in die Luft gesprengt. Evans verdichtet hier die seelischen Verwüstungen, die jene Jahre neben all dem Tod und körperlichen Leid auch hinterließen, in nur einem Bild. Überhaupt ist Evans‘ Seitengestaltung für die Biographie einer Theoretikerin, die Luxemburg ja zuallererst war, erstaunlich variantenreich. Die Russische Revolution etwa packt sie in Filmstreifen und rafft so das Geschehen einerseits zeitlich, verdeutlicht andererseits aber auch die räumliche Distanz, aus der Luxemburg diesen Umsturz nachvollzieht. Dem entspricht eine politische Distanz: Schon 1918 kritisiert Luxemburg deutlich den Terror und die Minderheitenherrschaft der Bolschewiki.

Evans entgeht allerdings nicht der Gefahr, die Biographien immer bieten: Sie übernimmt stark die Sichtweise ihrer Protagonistin. Das führt stellenweise zu Einseitigkeiten. So gerät etwa die Darstellung des Sozialdemokraten Friedrich Ebert zum Zerrbild. Ausgerechnet eine linke Autorin karikiert den gelernten Sattler als jemanden, der erst zu beschränkt ist, um der brillanten Theoretikerin Luxemburg zu folgen, und der sich später als erster Reichskanzler unbeholfen bei den alten konservativen Eliten anbiedert. Evans hat zwar recht, wenn sie Eberts Pakt mit den rechtsradikalen Freikorpsverbänden – den späteren Mördern Luxemburgs und Liebknechts – als verhängnisvoll beschreibt. Das Motiv dahinter reduziert sie aber auf anti-revolutionären Furor und persönlichen Machtwillen. Ausgeklammert bleibt bei Evans, dass Ebert – bei aller berechtigten Kritik an seinem Vorgehen – eben auch die gerade erst errungene parlamentarische Demokratie verteidigen wollte, auch gegen eine radikale Linke, die ihre eigene Stärke deutlich überschätzte.

So demonstriert dieser Band auch, dass das alte Schisma der Jahre zwischen 1914 und 1919 – das gemäßigte und radikale Linke erst an der Kriegs- und dann an der Revolutionsfrage auseinandertrieb – selbst 100 Jahre später längst nicht überwunden ist. 

Kate Evans: Rosa. Die Graphic Novel über Rosa Luxemburg. Aus dem Englischen von Jan Ole Arps, Dietz Berlin 2018, 228 Seiten, 20 Euro.

(aus: »Blätter« 12/2018, Seite 121-123)
Themen: Geschichte, Kapitalismus und Feminismus

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