Ausgabe September 2019

»Weißt Du, was Wotan will?«

Bild: Suhrkamp Verlag

Gut ein halbes Jahrhundert liegt der Aufbruch der Studentenbewegung zurück. Im kollektiven Gedächtnis der politischen Öffentlichkeit ist er als eine Zeit tiefer gesellschaftlicher, politischer und kultureller Umbrüche vor allem in Westeuropa und den USA abgespeichert, möglicherweise auch noch als letzter reformpolitischer Aufbruch in Osteuropa mit sozialistisch-wirtschaftsdemokratischer Perspektive. Im September 1967 hielt Theodor W. Adorno auf Einladung des Sozialistischen Studentenverbandes in Wien einen Vortrag, der soeben im Vorgriff auf einen neuen Band seiner Gesammelten Schriften veröffentlicht wurde. Doch nicht die Neue Linke war Adornos Thema. Die Jahre des „großen Umbruchs“ hatten noch eine andere Signatur: den Aufbruch des „Neuen Rechtsradikalismus“. In Deutschland war es mit der NPD erstmals einer neofaschistischen Partei gelungen, in eine Reihe von Landesparlamenten einzuziehen und damit den Alleinvertretungsanspruch der Christdemokraten „rechts von der Mitte“ zu durchbrechen. Den rechten Aufbruch einzuordnen, war Adornos bis heute hoch aktuelles Thema.

Die Eckpunkte seiner Zeitdiagnose werden gleich am Anfang kurz umrissen: Mit der Restauration des Kapitalismus bestehen „die gesellschaftlichen Voraussetzungen des Faschismus nach wie vor“ fort (S. 9). Der Neue Rechtsradikalismus ist gleichwohl keine historische Wiederholungstat.

Sie haben etwa 11% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 89% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1.00€)
Digitalausgabe kaufen (10.00€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Juni 2026

In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Über den Verfassungspatriotismus hinaus

von Meron Mendel

Während des Historikerstreits 1986 wehrte sich Jürgen Habermas erfolgreich gegen die Relativierung des Holocaust und hoffte, die Deutschen würden statt einer konventionellen Nationalidentität einen Verfassungspatriotismus entwickeln. Heute sollte dieses abstrakte Konzept mit konkreten Inhalten gefüllt werden.