Ausgabe Mai 1991

Und morgen sind wir alle gleich

Innerhalb von zwei Monaten sind nacheinander und zuweilen durcheinander die drei höchsten Repräsentanten des deutschen Staates zum Rücktritt aufgefordert worden. Die Gründe sind bei Weizsäcker (Berlin), Süssmuth (Auto) und Kohl (Lüge) nur dem äußeren Anschein nach verschieden. Die Koinzidenz verweist auf den gemeinsamen Grund: Es ist Krise. Und die erschöpft sich sicher nicht in den w i r t s c h a f tl i c h e n Problemen im neuen Osten der Republik. Zur ökonomischen gesellt sich die politische Krise.

Denn wenn die Spitze der Kritik von der Opposition an der Regierung und der Regierung an der Opposition darin besteht, daß die Erholungsurlaube ihrer jeweiligen Hauptdarsteller zu lang gewesen seien, dann haben sich die Parteien über ihre gemeinsame politische Konzeptionslosigkeit offenbar schon geeinigt. Darum schwankt man nur noch zwischen den Möglichkeiten hin und her, die Politikdarstellung durch Zusammenlegung aller kämpfenden Truppen zu verbessern oder aber in der Mitte der Legislaturperiode die eine Profispielschar gegen die andere auszutauschen. Von beiden Möglichkeiten hat das Publikum speziell das östliche - nicht viel zu erwarten.

Ob man nun weiter Helmut Kohl beschimpfen muß oder bald gegen die Pfeife mit dem Mann demonstrieren darf, bleibt sich ziemlich gleich. Politische und ökonomische Krise allein wären ja vielleicht noch verkraftbar.

Mai 1991

Sie haben etwa 11% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 89% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe März 2026

In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema