Ausgabe November 1991

Pflichtübungen

Moderne Videogeräte haben eine nützliche technische Einrichtung: das Video-Programming-System (VPS) startet die Aufnahme, einem Sendersignal folgend, unabhängig von der Uhrzeit erst dann, wenn die aufzuzeichnende Sendung wirklich beginnt. Auf diese Weise wird verhindert, daß bei Programmverschiebungen, womit nach Sportübertragungen fast stets zu rechnen ist, Teile der gewünschten Aufzeichnung verlorengehen. Am 3. Oktober, dem Tag der deutschen Einheit, gab es eine fernsehgeschichtliche Premiere. Das VPS-System wurde erstmals für den Versuch genutzt, die freie Programmwahl von Zuschauern zu manipulieren: Wer seinen Apparat auf 20.15 Uhr eingestellt hatte, bekam als Zugabe die davor übertragene Rede des Bundeskanzlers zum Jahrestag der "deutschen Revolution" unbestellt aufs Band gespielt.

Mein Gerät schaltete sich jedenfalls um 20 Uhr ein, dann zur Tagesschau wieder aus und zu Beginn der eigentlich einprogrammierten Sendung: "Was ist aus uns geworden? Ein Jahr deutsche Einheit" wieder an. Sollte so Ausgewogenheit hergestellt werden? In der zentralen Deutschen Einheits-Sendung zum Jahrestag (das ZDF übertrug nur die Hamburger Feierstunde am Vormittag) wurden jedenfalls nationales Pathos und überhebliche Töne sorgfältig und demonstrativ vermieden.

November 1991

Sie haben etwa 30% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 70% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Januar 2026

In der Januar-Ausgabe skizziert der Journalist David Brooks, wie die so dringend nötige Massenbewegung gegen den Trumpismus entstehen könnte. Der Politikwissenschaftler Philipp Lepenies erörtert, ob die Demokratie in den USA in ihrem 250. Jubiläumsjahr noch gesichert ist – und wie sie in Deutschland geschützt werden kann. Der Politikwissenschaftler Sven Altenburger beleuchtet die aktuelle Debatte um die Wehrpflicht – und deren bürgerlich-demokratische Grundlagen. Der Sinologe Lucas Brang analysiert Pekings neue Friedensdiplomatie und erörtert, welche Antwort Europa darauf finden sollte. Die Journalistinnen Susanne Götze und Annika Joeres erläutern, warum die Abhängigkeit von Öl und Gas Europas Sicherheit gefährdet und wie wir ihr entkommen. Der Medienwissenschaftler Roberto Simanowski erklärt, wie wir im Umgang mit Künstlicher Intelligenz unsere Fähigkeit zum kritischen Denken bewahren können. Und die Soziologin Judith Kohlenberger plädiert für eine »Politik der Empathie« – als ein Schlüssel zur Bekämpfung autoritärer, illiberaler Tendenzen in unserer Gesellschaft.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Fortschrittsfalle KI

von Roberto Simanowski

Unbemerkt von den meisten, verschiebt sich die Macht vom Menschen zur Maschine. Erste Studien bezeugen: Der Mensch wird dümmer durch KI. Je mehr er sie als Hilfsmittel nutzt, umso geringer seine kognitive Aktivität und schließlich seine Fähigkeit zum kritischen Denken.

Immer jünger, immer rechter: Teenager mit Baseballschlägern

von David Begrich

Ihre Haare sind kurz, gescheitelt und streng gekämmt. Sie zeigen den White Power- oder gar den Hitlergruß. Ist der Aufschwung der rechtsextremen Jugendszene wirklich etwas Neues – oder nur eine Fortsetzung neonazistischer Gewalt?