Vor dreizehn Jahren machte Helene Carrere d'Encausse auf die wachsende Kluft aufmerksam, die sich zwischen europäischen und orientalischen Regionen der UdSSR in der demographischen, sozialökonomischen und kulturellen Entwicklung öffnete. Gleichzeitig erbrachten westliche Darstellungen auf der Grundlage sowjetischer Quellen den Nachweis, daß der Islam in den orientalischen Regionen der Sowjetunion trotz massiver Religionsbekämpfung als kulturelle, religiöse und nationale Kraft eindeutig überlebt hatte. Als dann in der südlichen Nachbarschaft der Sowjetunion "fundamentalistische" Strömungen des Islam neue politische Verhältnisse schufen und im Iran sogar den "islamischen Staat" realisierten, als schließlich der "Dschihad" gegen die sowjetische Kriegsmacht in Afghanistan auf sowjetisches Territorium überschwappte, da schlug bis dahin weitgehendes Desinteresse am sowjetischen Islam im Westen in eine Wahrnehmung um, in der die heute rd. 60 Millionen Muslime in Zentralasien, Transkaukasien, im Nordkaukasus und an der Wolga als geschlossenes nationalreligiöses Potential und als Sprengsatz im Nationalitätengefüge der Sowjetunion präsentiert wurden.
Zu den bitteren Erkenntnissen internationaler Politik und Berichterstattung gehört: Unsere Aufmerksamkeit reicht oft nur für eine Großkrise. Das Resultat: vergessene Konflikte überall auf der Welt.