Ausgabe September 1991

FehlSTART?

Nach dem Bush-Gorbatschow-Gipfel in Moskau

Ein wirklich guter Sportler läßt sich nach einem Sieg sein Triumphgefühl nicht anmerken. Er lobt das hohe Niveau des Spiels und gibt dem geschlagenen Gegner hilfsbereit Tips für die nächste Begegnung. George "Poppy" Bush hat diese Anstandsregeln seiner Mutter in Moskau nicht vergessen. Bei der Unterzeichnung des STARTAbkommens schüttelte er Michail Gorbatschow die Hand wie zu "guten alten Zeiten". Eine neue Ära der Partnerschaft habe begonnen, hieß es. Der Vertrag reduziert die sowjetischen Atomsprengköpfe in den kommenden sieben Jahren von 10 841 auf 8040 und die US-amerikanischen von 12 081 auf 10 841.

Obwohl START die Modernisierung mehrerer Waffensysteme erlaubt, ist das Abkommen der erste amerikanisch-sowjetische Rüstungskontrollvertrag, der die Nuklearwaffenarsenale tatsächlich verkleinert.

Trotz der schönen Moskauer Rhetorik und der Gesten für die Fernsehkameras war die Rollenverteilung beim Gipfeltreffen so klar definiert wie die bei einer Siegerehrung in Wimbledon: Die Amerikaner haben den Kalten Krieg gewonnen, die Sowjets verloren. Nur wenn Gorbatschow Bushs "Tips" zur Wirtschafts- und Außenpolitik folgt, darf er weiter mitspielen, und auch dann nur als Juniorpartner. Den nächsten Spieltermin bestimmt der Sieger.

September 1991

Sie haben etwa 13% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 87% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe September 2020

In der September-Ausgabe erkennt der Philosoph und »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas im Wiederaufbauplan der EU – 30 Jahre nach der Zäsur von 1989/90 – eine zweite Chance für die innerdeutsche wie auch für die europäische Einheit. Die Literaturwissenschaftlerin Sarah Churchwell beleuchtet die langen Linien des amerikanischen Faschismus – vom Ku-Klux-Klan bis zu Donald Trump. Der Wirtschaftshistoriker Adam Tooze plädiert angesichts des Handelskriegs zwischen China und den USA für eine neue globale Entspannungspolitik. Und die Islamwissenschaftlerin Alexandra Senfft portraitiert den Kampf der Frauen gegen den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema