Ausgabe September 1991

Schlechter Rat ist teuer.

Patient Sowjetunion

Im Juli glaubte der sowjetische Ministerpräsident, V. Pavlov, das Licht am Ende des Tunnels zu erspähen: die Wirtschaftsresultate des ersten Halbjahres 1991 signalisierten, so vermeldete er, zumindest keine weitere Verschlechterung der Lage. Selbst dieser bescheidene Optimismus war voreilig. Die kurz darauf veröffentlichten gesamtwirtschaftlichen Daten zeigen eine andere Tendenz: Rückgang des Bruttosozialprodukts (im Vergleich zum 1. Halbjahr 1990) um 10% (im 1. Quartal noch um 8%), der Industrieproduktion um 6,2% (5%), der Arbeitsproduktivität um 11% (9%), der Erzeugung von Massenbedarfsgütern um 8,5% (6%; "Ekonomika i zizn", 30/1991, Beilage, S. 1).

Diese Daten überraschen nicht, bestehen doch die allgemeinen wie die besonderen Ursachen der ökonomischen Krise fort oder verstärken sich sogar noch. Weniger in reformkonzeptionell verordneter als in spontaner, willkürlicher Weise verloren die zwar funktionsschwachen, aber seit Jahrzehnten eingespielten Formen und Methoden der Planung und Steuerung der ökonomischen Prozesse in erstaunlich kurzer Zeit und in überraschendem Maße ihre Wirksamkeit. In Anbetracht der fehlenden Voraussetzungen ist dagegen kaum befremdlich, daß an ihre Stelle nicht umstandslos die Zwänge und Regulative marktwirtschaftlicher Verhaltens- und Prozeßsteuerung traten.

September 1991

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