Ausgabe April 1992

Gleichheit und Bürgerstolz

Michael Walzers nachegalitäre Theorie der Gerechtigkeiten

"Kommunitarismus" lautet ein neues Kennwort der politischen Diskussion. Der Theorieimport aus den USA ist vieldeutig. Unterschiedliche politische Positionen und Werthaltungen knüpfen sich daran; sie reichen von linken und linksliberalen Stimmen bis hin zu konservativen Voten. Man kann dies mit Mißtrauen betrachten oder auch in der lagerübergreifenden kommunitaristischen Thematik den Reflex eines allgemeinen gesellschaftspolitischen Problems (wieder-)erkennen. Was so unterschiedliche Geister wie Charles Taylor, Alisdair MacIntyre, Robert N. Bellah, Richard Rorty oder den im folgenden vorzustellenden Michael Walzer eint, ist die gemeinsame Fragestellung nach Bedingungen und Möglichkeiten gemeinschaftsfähiger, solidarischer und ziviler Lebensformen - jenseits vereinfachter Systemalternativen und Ismen und gegen die expansionistischen Zwänge von Geld- und Machtmonopolen. Micha Brumlik hat an anderer Stelle (FR, 11. Februar 1992) zwei Leitfragen formuliert, an denen sich das kommunitaristische Projekt prüfen läßt:

" 1. Lassen sich menschliche Lebensformen darstellen, die verbindlicher als staatsbürgerliche Assoziationen, aber weniger bindend als intime Liebe und loyalitätsheischende Familie Sinn und Solidarität hervorbringen, ohne dabei die Individuen dem Druck autoritärer Normen und der Autorität nicht frei akzeptierbarer Werte zu unterwerfen?  2.

April 1992

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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