Ausgabe Dezember 1992

Last Exit Clinton

Karikaturisten sind manchmal die besten Analytiker. Edward Sorel hat es in der "Nation" vom 20. Juli 1992 vorgeführt: Ein Mann, sichtlich strapaziert, mit wirrem Blick und wild zerzaustem Haar, packt die Koffer. Aus einem anfänglich murmelnden Selbstgespräch steigert er sich in eine Wut, die er schon dutzende Male durchgemacht haben muß und die ihn trotzdem noch immer die Zähne fletschen läßt: "Als Reagan sich zur Wahl stellte, wollte ich auswandern, falls dieser Idiot gewinnen sollte.

Aber ich hab's nicht gemacht.

Dann ging Bush ins Rennen, und ich schwor mir, diesmal wirklich in ein anderes Land zu gehen, wenn auch dieser schräge Vogel gewählt würde. Natürlich habe ich es nie gemacht.

Aber diesmal", er greift entschlossen zu Koffer, Reisetasche und Schirm und rennt aus der Wohnung, "diesmal hau ich ab, wenn überhaupt irgendeiner gewinnt." Nun also hat Bill Clinton gewonnen, der Mann, dem als besonderes Kennzeichen ans Revers geheftet wird, daß er dem "baby boom" entstammt, also den geburtenstarken Nachkriegsjahrgängen. Wir wissen nicht, wo unser Mann mit dem Koffer jetzt ist und ob er nicht doch wieder an der Türschwelle haltgemacht hat. Gute Gründe, das Weite zu suchen, gibt es allemal.

Denn es will zu Beginn der 90er Jahre so scheinen, als hätte Amerika seine Zukunft schon hinter sich.

Dezember 1992

Sie haben etwa 9% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 91% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Juni 2026

In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Fossilistischer Kolonialismus

von Friederike Otto

Die Erderhitzung vernichtet schon heute weltweit die Lebensgrundlagen vieler Menschen – allen voran jener, die ohnehin benachteiligt sind. Wir müssen die Klimakrise auch als Gerechtigkeitskrise begreifen – und die ihr zugrundeliegenden Machtstrukturen transformieren.

Globales Elend und die Diktatur der Superreichen

von Ute Scheub

Sie düsen in Privatjets um die Welt, um Immobilien und Konzernketten an sich zu reißen. Sie kaufen ganze Landschaften und Inseln, um sich dort im größten Luxus abzukapseln. Sie übernehmen Massenmedien, um sich selbst zu verherrlichen und gegen Arme und Geflüchtete zu hetzen.