Man kann nach den Landtagswahlen fast 700000 "Protestwähler" nicht mehr gut als "lunatic fringe" der neuen deutschen Gesellschaft abtun und mit Nichtachtung strafen. Die Verfechter der Theorie, daß die repräsentative Demokratie sich am besten über das Parteiensystem, definiert durch Wahlgesetz, Parteiengesetz und Wahlkostenerstattung realisiert, sind aufgeschreckt. Was 30% Nichtwähler nicht erreichen, weil ihre politische Verdrossenheit sozusagen vorsteuerlich abgeschrieben werden kann, das erreichen 10% Wähler rechts von den Christdemokraten. Die medienöffentlichen Reaktionen nach diesem Ereignis sind auf charakteristische Weise hilflos. Die Parteien wissen nicht, was sie außer dem Gemeinplatz, daß das bedauerliche Denkzettel waren, und außer den fortgesetzten Schienbeintritten jeweils nach der anderen Seite dazu sagen sollen. Elefantenrunden werden vorsichtshalber nicht mehr veranstaltet sie bereiten den Elefanten zuviel Verlegenheit, und auch den Veranstaltern, die nicht mehr wissen, ob sie nun die Grünen dazu einladen müßten oder nicht, ob sie die Rechtsaußenparteien von ihrem Katzentisch an die Haupttafel zurückholen sollen, nachdem sie in zwei Ländern zur drittstärksten Kraft nach den beiden Hauptelefanten aufgestiegen sind.
In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.