Wie weibliche Freiheit im postpatriarchalen Chaos erstritten werden kann
Bild: Fraktionssprecherinnen der Grünen im Bundestag - v.l.n.r.: Heidemarie Dann, Annemarie Borgmann, Antje Vollmer, Erika Hickel, Waltraud Schoppe und Christa Nickels, 12.2.1984 (IMAGO / Sven Simon)
Nach einem Jahrhundert der Emanzipation erleben wir heute weltweit das destruktive Auftrumpfen toxischer Männlichkeit. Doch was häufig als Wiederkehr des Patriarchats gedeutet wird, ist vielmehr Ausdruck einer viel gefährlicheren Entwicklung: dem Streben nach einer ungeregelten Herrschaft des Stärkeren. Lässt sich weibliche Freiheit in diesem postpatriarchalen Chaos noch mittels Gleichstellungspolitik voranbringen?
Es ist ein lieb gewonnenes Ritual bei gleichstellungspolitischen Veranstaltungen, die jeweils neuesten Gender-Reporte zu zitieren: »Wenn es in diesem Tempo weitergeht, wird es noch soundsoviele Jahre dauern, bis die Gleichstellung erreicht ist!« Das ist pessimistisch gemeint, ich denke dabei aber immer, dass es eigentlich zu optimistisch ist. Woher wissen wir denn, dass es überhaupt weitergeht? Gut möglich, dass die Gleichstellung ihren Peak bereits überschritten hat und Frauenrechte nicht weiter zu-, sondern wieder abnehmen.1
Womöglich war der Juni 2022 ein Wendepunkt, als der Oberste Gerichtshof in den USA das Urteil »Roe v. Wade« aufhob und damit das seit 1973 in der Verfassung verankerte Recht abschaffte, eine ungewollte Schwangerschaft zu beenden. Oder 2016, als Hillary Clinton die sicher geglaubte Wahl gegen Donald Trump verlor.